Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

-Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  n.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  241

legenes  Haus  zurück  und  führte  dort  mit  ihnen  vom  April  bis  zum
Dezember  1831  eine  Art  Klosterleben,  während  draußen  die  Propaganda
lebhafter  als  je  durch  die  Zeitung  Le  Globe,  die  seit  Juli  1831
das  Eigentum  der  Schule  war,  getrieben  wurde.  Dieses  merkwürdige
Lehen  wurde  durch  eine  gerichtliche  Untersuchung  unterbrochen,  der
eine  Verurteilung  zu  einem  Jahr  Gefängnis  folgte,  die  das  Schwurgericht ­
  gegen  Enfantin,  Duveegee  und  Michel  Chevaliee  unter
dem  Vorwände  einer  ungesetzlichen  Vereinigung  verhängte.  Das
war  der  Anstoß  zur  Auflösung.
Dieser  letzte  Abschnitt,  der  aufsehenerregendste  in  dem  ganzen
Leben  der  Schule,  machte  auf  die  Zeitgenossen  den  meisten  Eindruck.
Die  Eeligion  des  Saint-Simonismus  verdunkelte  und  kompromittierte
für  einige  Zeit  den  Saint-Simonismus  als  rein  soziale  Lehre,  wie
späterhin  die  positivistische  Eeligion  in  der  Meinung  der  Öffentlichkeit ­
  die  positive  Philosophie  verdrängen  sollte.  Das,  was  uns  hier
interessiert,  ist  einzig  und  allein  die  soziale  Lehre  des  Saint-Simonismus,
•so  wie  sie  im  ersten  Bande  der  Exposition  enthalten  ist.
Diese  Lehre  ist  neu  genug,  um  als  eine  originelle  Weiterentwicklung ­
  und  nicht  nur  als  eine  Zusammenfassung  der  Ideen  Saint-Bimon’s
  angesprochen  werden  zu  können.  Wahrscheinlich  stammt
sie  gleichzeitig  von  Bazaed  und  Enfantin.  Der  letztere  hat  fast
mit  Sicherheit  die  wirtschaftlichen  Gedanken  geliefert *  1 ),  an  denen
übrigens  das  Werk  Sismondi’s  einen  großen  Anteil  gehabt  haben  muß.
Dieses  Buch  ist  ebenso  bemerkenswert  durch  seine  energische  und
logische  Ausdrucksweise,  wie  durch  die  darin  entwickelten  Ideen
selbst;  die  Vergessenheit,  in  die  es  gefallen  ist,  läßt  sich  kaum  erklären, ­
  wenn  man  es  mit  so  vielen  anderen  mittelmäßigen  Erzeugnissen ­
  vergleicht,  die  bis  auf  unsere  Tage  gekommen  sind.  Heute
jedoch  scheint  es  neues  Interesse  zu  erregen,  und  man  versucht

*)  Obgleich  die  mündliche  Darlegung  der  Lehre  durch  Bazard  geschah  und
für  den  Druck  von  Jüngern  desselben  (unter  anderen  von  Hippolyte  Carnot)  bearbeitet
wurde,  kann  man  die  meisten  der  darin  enthaltenen  Gedanken  Enfantin  zusprechen.
Er  hatte  die  Mehrzahl  der  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  schon  im  Producteur
ausgeführt.  Doch  unterscheidet  sich  die  im  Producteur  vertretene  Lehre  merklich
von  der  der  Exposition.  Zinsen  und  Pacht  werden  hier  lebhaft  bekämpft  als  ein
von  den  Arbeitern  an  die  Müßiggänger  gezahlter  Tribut.  Das  Erbrecht-  wird  aber
nicht  verworfen,  obgleich  es  mit  nur  geringer  Sympathie  beurteilt  wird  (Producteur,

I.  S.  566,  567).  Enpantin  erwartet  die  Befreiung  der  Arbeitenden  von  dem  Sinken
des  Zinsfußes  und  rechnet  auf  ein  gutes  Kreditsystem,  um  die  Frage  zu  lösen,  die
er  für  das  größte  moderne  Problem  hält;  die  Interessen  der  Arbeitenden  und  der
Müßiggänger  zu  vereinigen,  „Interessen,  die  niemals  mit  dem  Allgemeininteresse
verschmelzen  werden,  solange  der  Besitz  der  Früchte  einer  vergangenen  Arbeit  ein
Anrecht  auf  den  Genuß  von  Produkten  gegenwärtiger  oder  sogar  zukünftiger  Arbeit
gibt“  (Producteur,  II,  S.  124).  Hierin  liegt  schon  eine  Ankündigung  der  Ideen,
16  in  der  Exposition  entwickelt  werden.
Gide  und  Eist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

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