Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 441
zu den Sachgütern wie zu den Menschen bleiben niemals dieselben, sondern
sind sowohl geographisch verschieden als sie sich auch historisch immer
verändern und mit der gesamten Kultur des Menschengeschlechts fort
schreiten“ 1 ).
Daher haben die ersten Volkswirtschaftler, in der Meinung der An
hänger der historischen Schule, der Wissenschaft zu enge Grenzen gezogen,
weil sie sich hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Tatsachen beschränkten,
die infolge ihrer Allgemeinheit den Charakter physischer Gesetze besitzen.
Neben der Theorie, wie sie sie aufgefaßt haben (einige sagen sogar an ihrer
Stelle), muß man eine andere Untersuchungsmethode, die der Biologie
nähersteht, anwenden: die eingehende Beschreibung und die
Erklärung auf Grund der Geschichte des wirtschaftlichen
Werdens und Lebens jeder Nation. Hierin scheint uns zusammen
fassend die positive Auffassung zu liegen, die sich die historische Schule,
wenigstens in ihren Anfängen, von der Nationalökonomie gemacht hat,
eine Auffassung, die mehr oder weniger klar noch heute in vielen Köpfen
lebendig ist.
Diese Auffassung ist durchaus natürlich und berechtigt. Auf den
ersten Blick ist sie sogar sehr verführerisch. Trotz ihrer anscheinenden
Einfachheit ist sie aber doch nicht ohne ihre dunklen Seiten, und die
genauere Analyse ihrer Gegner hat in ihr Grund zu ernsthaften Einwürfen
gefunden.
Ist zunächst wirklich, ein konkretes „realistisches“ Bild des Wirt
schaftslebens der letzte Zweck der Wissenschaft, wie die Anhänger der
historischen Schule gerne sagen? Verdient eine Disziplin nicht im Gegen
teil den Namen Wissenschaft um so rechtmäßiger, je größer der allgemeine
Charakter der Schlußfolgerungen ist, zu denen sie gelangt? Schon
Aristoteles sagte: „Es gibt nur eine Wissenschaft, die des Allgemeinen.“
Ist die Beschreibung der konkreten Wirklichkeit, so unentbehrlich sie
^uch sein mag, nicht nur der erste Schritt zur Bildung der Wissenschaft?
Ist die Wissenschaft auf Grund ihrer Natur nicht mehr erklärend als
beschreibend?
Allerdings beschränken sich nicht alle Historiker auf die Beschrei
bung. Viele wollen auch erklären. Das Mittel, dessen sie sich bedienen,
lst die Geschichte. Ist dieses Mittel nun wirklich gut gewählt ?
»Die Geschichte“, sagt Marshall, „lehrt uns wohl, daß dieses oder
jenes Ereignis auf dieses oder jenes andere Ereignis gefolgt ist oder
Kßt ihm gleichzeitig geschah. Sie kann uns aber nicht sagen, ob dieses
erste die Ursache jenes zweiten gewesen ist“ 2 ). Gibt es ein einziges
b Hildebrand, Die Nationalökomonie der Gegenwart und Zukunft,
29.
, b Marshall, Principles, B. I, Kap. IV, § 3. Wagner sagt: „Die Geschichte
aann wohl das Bestehen causaler und conditionaler Beziehungen feststellen ... sie
ai >n sie aber nicht immer nacliwcisen 1 * (op. cit. § 83).