312
Zweites Buch. Die Gegner.
bedroht glaubten, ist der landwirtschaftliche Schutzzoll in Deutsch
land von neuem aufgeblüht.
§2. Die Quellen List’s. — Sein Einfluß auf die späteren
schutzzöllnerischen Lehren.
Man hat viel über den Ursprung der schutzzöllnerischen Ideen
List’s gestritten. Schon in Frankreich hatte unser Schriftsteller in
den Werken Dupin’s und Chaptal’s Gründe für seine These gefunden.
Er wurde aber in seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Laisser-
faire von den Männern, mit denen er in Amerika in Berührung kam,
bestärkt. Er trat dort nämlich in enge Beziehungen zu den Mit
gliedern der „Gesellschaft von Philadelphia zur Stärkung der nationalen
Industrie“. Diese Gesellschaft war von dem amerikanischen Staatsmann
Hamilton gegründet worden, dem Verfasser des berühmten „Report
on manufactures“, in dem schon 1791 dargelegt wurde, daß es für
die Vereinigten Staaten notwendig sei, den Aufschwung ihrer jungen
Industrie durch Zollschranken zu begünstigen 1 ). Hamiltons Argu
mente, die List aller Wahrscheinlichkeit nach gekannt hat, zeigen oft
eine auffallende Ähnlichkeit mit denen des nationalen Systems 2 ).,
9 Da es ans unmöglich gewesen ist, uns die Werke Hamilton’s zu verschaffen^
geben wir hier nach Bastablb (Commerce of Nations, 2. Ausg., London 1899,.
S. 120) die wichtigsten Argumente des Report über die Vorteile der Industrie.
Sie gestattet eine größere Arbeitsteilung; sie liefert denen Beschäftigung, die keine
haben; sie gibt einen regelmäßigeren Markt, als die ausländischen Länder; sie be
günstigt die Einwanderung.
2 ) Auch ist es sehr wahrscheinlich, daß List die Werke eines anderen amerika
nischen Schutzzöllners, Daniel Kaymond gelesen hat, dessen Thoughts on political
Economy 1820 erschienen und vier Auflagen hatten. (Vgl. Daniel Eaymoud von
Chahlbs Patrick Neill, Baltimore 1897). Es ist das die Meinung der meisten, die
sich in diesen letzten Jahren mit List beschäftigt haben; Prl. Hirst in ihrem Buch:
Life of Friedrich List und Kurt Köhler in seinem Werk: Problematisches
zu Friedrich List (Leipzig 1909). Es erscheint uns aber sehr übertrieben, in
Raymond (wie es z. B. Rambaud in seiner Histoire des doctrines getan hat), den
stärksten Beeinflusse!- List’s zu sehen. Abgesehen davon, daß die Gedanken Raymond’»
nichts besonders selbständiges an sieh haben, und daß List in den Vereinigten Staaten
in einer Umgebung von Schutzzöllnern lebte, in der diese Gedanken gang und gäbe
waren, muß darauf hingewiesen werden, daß List ihn nie zitiert. Dagegen erwähnt,
er sehr oft, höchst lobend (und zwar schon in seinen Briefen an Inger soll), die
beiden französischen Schriftsteller Dupin und Chaptal. Der Ausdruck „produktive
Kräfte“ (forces productives) findet sich schon in dem Werk des Baron Dupin:
Situation progressive des forces de la France (Paris 1827) im ersten Satz:
„Hiermit übergebe ich der Öffentlichkeit die Einführung eines Werkes, überschrieben :
Forces productives et commerciales de la France. So nenne ich die ver
einigten Kräfte des Menschen, der Tiere und der Natur, die sieh in Frankreich mit
der Landwirtschaft, den Werkstätten und dem Handel befassen.“ Ebenso findet