Kapitel IV. -Friedrich. List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 313
Die Gesellschaft von Philadelphia, an deren Spitze damals Mathieu
Carey (der Vater des Volkswirtschaftlers, von dem wir weiter unten
sprechen werden) stand, führte zur Zeit der Ankunft List’s in Amerika
einen lebhaften Feldzug- zugunsten einer Erhöhung der Zolltarife. Der
Vizevorsitzende der Gesellschaft, Ingersoll, überredete den Gast, an
diesem Feldzug teilzunehmen, was List in einer Eeihe von Briefen
tat, die 1827 veröffentlicht wurden und großes Aufsehen erregten 1 ).
Diese Briefe enthalten, kurz zusammengedrängt, all das, was er in
dem nationalen System ausführlicher darlegen sollte. Er preist hier
schon für Amerika dieselbe Politik, die er einige Jahre später den
Deutschen empfahl.
Doch ist List mehr von Tatsachen als von Büchern beeinflußt
worden. Seinem praktischen und scharf beobachtenden Geiste fiel
sieh schon der Gedanke des Schutzzolls für entstehende Industrien klar bei
Chaptal ausgedrückt. 1819 in D e 1’ I n d u st r i e f r a n s a i s e kann man auf Seite XLVI
der Vorrede lesen: „Man hat sich recht bald überzeugt, daß es nicht immer genügt,
die natürlichen Hindernisse überwinden zu wollen, die sich einer Entwicklung der
Industrie entgegensetzen; fast überall ist man zu der Einsicht gelangt, daß ent
stehende Manufakturen nicht gegen Unternehmungen ankämpfen können, die
die Zeit fest gegründet hat, die von reichen Kapitalien genährt und sorgfältig unter
halten werden, und die mit einem bedeutenden Aufgebot an geschulten und geübten
Künstlern arbeiten, so daß man dazu gezwungen worden ist, auf Schutzzölle zurück
zugreifen, um die Konkurrenz der ausländischen Industrien auszuschalten.“
Es ist sicher, daß List schon bei seinem ersten Aufenthalt in Frankreich diese
Schriftsteller gelesen und dort die Bestätigung seiner eigenen protektionistischen
Ideen gefunden hatte. Nicht weniger sicher ist, wie ein im April 1825 geschriebener
Brief von ihm zeigt (Hirst, op. cit. infra S. 33), daß er nicht erst in Amerika bekehrt
worden ist, sondern im Gegenteil hoffte, dort für seine schon alte Gegnerschaft gegen
Smith Bestätigungen durch neue Argumente zu finden. Die Behauptung Marx , die er
in seinen Theorien über den Mehrwert (Bd. I, S. 339, 1905 von Kautsky
herausgegeben, Stuttgart) aufstellt, wonach die hauptsächlichste Quelle List’s
Fermer, Du gouvernement considere dans ses rapports avec le com
merce (Paris 1805) gewesen sei, ist einfach aus der Luft gegriffen. So hat man
auch behaupten wollen, daß List den Gedanken der Nationalität als Grundlage der
Volkswirtschaft Adam Müller entlehnt habe. Allerdings ist List mit A. Müller
(einem katholischen Schriftsteller, der der Wiederherstellung des Feudal-Systems
günstig war) zusammengetroffen. Doch es genügte, als Deutscher im 19. Jahrhundert y
zu schreiben, um bis in die Knochen von dem Gedanken der Nationalität durchdrungen v
z u sein. Wir unterlassen aber nicht, darauf hinzuweisen, daß die Argumente des
Schutzzollsystems kaum von einer Epoche zur anderen fühlbar verschieden sein können
und notwendigerweise in ihrer Zahl beschränkt sind. Nichts ist daher leichter, als
für Friedrich List Vorläufer zu finden.
*) In Buchform herausgegeben unter dem Titel: Outlines of a new System
°f Political eoonomy, in a series of lettres addressed by P. List to
Charles Ingersoll, Philadelphia 1827. Dieses Werk findet sich nicht in den
v °n Häuser herausgegebenen Werken List’s, ist aber vollständig in dem inter
essanten „Life of Friedrich List“, das von Margaret E. Hirst veröffentlicht
Wurde, enthalten (London 1909, 331 Seiten).