Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  32  L

beschränken,  die  merkantilistische  Theorie  der  Handelsbilanz  zu  wiederholen ­
  1 ),  so  scheint  sich  die  Mehrheit  mehr  oder  weniger  klar  auf  zwei
Hauptgedanken  zu  stützen:  1.  Auf  das  Interesse  einer  Nation,  sich  die
wirtschaftliche  Selbständigkeit  zu  erwerben;  2.  auf  die
patriotische  Notwendigkeit,  den  nationalen  Produzenten  den
nationalen  Markt  vorzubehalten 2 ).  Wenn  diese  beiden  Gesichtspunkte, ­
  die  mehr  oder  weniger  oifen  eingestanden  und  als
politische  Eichtschnur  genommen  werden,  in  ihren  logischen  Konsequenzen ­
  angewendet  würden,  so  würde  das  darauf  hinauslaufen,
jeden  äußeren  Handel  unnötig  zu  machen,  eine  Nation  für  immer
auf  die  ihr  zufällig  durch  die  Natur  gewährten  Hilfsmittel  zu  beschränken ­
  und  ihren  Anteil  an  denen,  die  die  übrige  Welt  besitzt,
auf  ein  Minimum  zu  reduzieren.  Sicherlich  sind  diese  beiden  Gedanken ­
  List  nicht  ganz  fremd  gewesen.  Bei  ihm  aber  haben  sie
«inen  sekundären  und  untergeordneten  Charakter.  Niemals  hat  er  sie
als  dauernde  Grundlage  einer  Handelspolitik  in  Betracht  gezogen.
List  spricht  oft  davon,  die  Industrie  einer  Nation  vom  Auslands-Doch
  muß  zugegeben  werden,  daß  die  Mehrzahl  der  schutzzöllnerischen  Schriftsteller
sich  nur  recht  lose  mit  dem  Standpunkt  Caüwüs  in  Verbindung  bringen  lassen.
Vgl.  seinen  Cours  d’Economie  Politique,  3.  Ausg.,  Bd.  III.
‘)  Wie  z.  B.  die  Volkswirtschaftler,  die  beständig  von  dem  „Handelsdefizit“
sprechen,  d.  b.  von  der  ungünstigen  Handelsbilanz.  Trotz  der  zahlreichen  Widerlegungen
  dieses  Argumentes  wird  es  doch  oft  als  eine  selbstverständliche  Wahrheit
angeführt.  Auch  List  hatte  die  übertriebene  Gleichgültigkeit  der,,  Schule  gegenüber
dem  Gleichgewicht  der  Ein-  und  Ausfuhr  kritisiert.  Doch  tat  er  es  nicht  auf  Grund
der  merkantilistischen  Theorie  der  Handelsbilanz,  die  er  im  Gegenteil  als  abgetan
ansieht  (vgl.  S.  393,  401  u.  405).  Er  stellt  sich  vielmehr  auf  einen  besonderen  Standpunkt: ­
  den  Geldstandpunkt.  Wenn,  sagt  er,  eine  Nation  viel  einführt  und  auf  der
anderen  Seite  nicht  entsprechende  Warenmengen  ausführt,  kann  sie  dazu  gezwungen
werden,  als  Zahlung  Edelmetalle  liefern  zu  müssen,  deren  Abfluß  bei  ihr  eine  Geldkrise ­
  herbeiführen  kann.  Die  Gleichgültigkeit  der.Sohule’mit  Hinsicht  auf  die  mehr
oder  weniger  große  Menge  Geldes  ist  daher  übertrieben  (B.  II,  Kap.  XXIII).  Wie  man
weiß,  ist  gerade  die  Diskontopolitik  der  großen  Zentralbanken  heute  darauf  gerichtet,
den  vorübergehenden  Spannungen  des  Geldmarktes,  die  auf  übertriebenen  Einfuhren
beruhen,  zu  begegnen  und  diese  Methode  ist  selbstverständlich  bei  weitem  wirksamer
als  der  Protektionismus.
2 )  Einzelne  gehen  sogar  viel  weiter.  Patten  (Eondements  economiques
•le  la  protection,  franz.  Übers.,  Paris  1899)  will  einen  einem  Jeden  Lande  eigentümlichen ­
  Nationaltypus  schaffen,  der  die  Einwohner  eines  jeden  Landes  zwingt,
sich  nur  nach  den  natürlichen  Hilfsquellen  des  Landes  zu  ernähren  und  zu  kleiden.
&o  würde  man  einen  „amerikanischen  Typus“  schaffen,  der  natürlich  allen  europäischen
typen  unendlich  überlegen  sein  würde!  „Dann“,  sagt  er,  „können  wir  uns  damit
befassen,  einen  überwiegenden  Einfluß  auf  das  Schicksal  der  anderen  Völker  auszuüben
  und  sie  dazu  zwingen  (sic!),  ihre  jetzige  wirtschaftliche  Verfassung  aufzugeben,
üm  einen  höheren  sozialen  Zustand  anzunehmen“  (S.  210).  Bis  dahin  gibt  es  keine
ausländische  Einfuhr!  Wie  häufig  verschmilzt  doch  das  Schutzzollsystem  mit  dem.
Nationalismus  oder  dem  Imperialismus!
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

21
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.