Kapitel IV. Friedrich. List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 323
In keinem Augenblick hat List daran gedacht, aus der wirt
schaftlichen Selbständigkeit oder der Gewährleistung des Binnen
marktes den Angelpunkt einer schutzzöllnerischen Politik zu machen.
Die Schaffung einer einheimischen Industrie ist für ihn die einzig
mögliche Rechtfertigung der Schutzzölle, und gerade diesen Punkt
können die modernen Schutzzöllner nicht betonen, ohne einen
Anachronismus zu begehen.
So hat der Protektionismus List’s weder in der praktischen
Politik noch in der wissenschaftlichen Theorie bleibende Spuren hinter
lassen. In anderer Richtung, in seinen allgemeinen Gesichtspunkten,
muß die Quelle seines Einflusses und die Gründe seiner Bedeutung
für die Geschichte der wirtschaftlichen Ideen gesucht werden.
§ 3. Die wirkliche Originalität List’s.
Schon in seiner Methode ist er ein Bahnbrecher. Als erster
verwendet er die Geschichte und die geschichtliche Vergleichung als /•■
Beweisführung in der Nationalökonomie; und wenn er auch keinen
Anspruch auf den Namen eines Gründers erheben kann, so gestattet
doch die glänzende Art und Weise, in der er hierin vorgegangen ist,
ihn neben und sogar über die zu stellen, die zur gleichen Zeit und
nicht ohne ziemliche Übertreibung versuchten, aus der Geschichte das
Hauptinstrument wirtschaftlicher Untersuchungen zu machen, indem
sie „eine historische Schule“ schufen.
Außerdem hat List in die Ökonomik neue und fruchtbare Ge
sichtspunkte eingeführt. Das Prinzip des freien Austausches, so
wie Smith und noch mehr Say und Kicaedo es formuliert hatten,
War ohne Frage zu absolut und beruhte auf einer zu abstrakten
Beweisführung, um für den Staatsmann von irgendwelchem Nutzen
zu sein. Wenn, wie List sehr richtig ausführt, die Praxis der
Handelsnationen so lange gegen eine Lehre verstoßen hat, die alle
Volkswirtschaftler für bewunderungswürdig erklärten, so muß hierfür
irgendein Grund vorhanden sein. Wie soll denn auch ein Staatsmann
handeln, wenn er sich nicht auf den Standpunkt der nationalen Inter
essen stellt, deren Leitung ihm anvertraut ist? Ihm genügt es nicht
zu wissen, daß die Verbindung der Märkte irgendwo ein An
wachsen des Reichtums hervorruft r ); er muß sicher sein, daß sein
eigenes Volk von diesem Wachstum profitiert. Er muß gleichzeitig
sicher sein, daß die Freiheit des Tauschhandels nicht zu plötzliche
*) Siehe in dem letzten Werk V. Paebto’s (Economia Politica, Mailand 1906)
üen Nachweis, daß der internationale Austausch nicht notwendigerweise beiden Teilen
günstig ist (Kap. IV, § 45).
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