Kapitel V. Prouclhon und der Sozialismus von 1848.
361
§4. Der Einfluß Proudhon’s nach 1848.
Es ist außerordentlich schwierig, den Einfluß der Gedanken
Peoudhon’s in der Periode nach 1848 nachzuspnren.
Karl Marx, der damals noch fast unbekannt war, sollte durch
die Veröffentlichung seines Kapitals, 1867, der fast einzige Ver
treter des theoretischen Sozialismus werden. Schon 1847 hatte er
heftig gegen Peoudhon Partei ergriffen, indem er unter dem Titel:
Misere de la Philosophie 1 ) eine herbe Kritik der ökono
mischen Widersprüche veröffentlichte. Der Vertreter des
Kollektivismus konnte sich mit dem Parteigänger des zerstückelten
individuellen Eigentums, der Theoretiker des Klassenkampfes mit
dem Anhänger der Klassenverschmelzung, der Revolutionär mit dem
Verfechter friedlicher Reformen nicht verständigen Der Erfolg
seiner Ideen nach 1867 hat alle früheren sozialistischen Systeme in
den Schatten gestellt und vollständig verdunkelt. In seinen Äugen
ist Peoudhon nur ein „Kleinbürger“. Dennoch scheinen die Pariser
Arbeiter noch ganz unter der Herrschaft der Ideen Peoudhon’s ge
standen zu haben, als Karl Marx 1864 in London die berühmte
„Internationale Arbeiterassoziation“ gründete. Auf dem ersten
Kongreß der „Internationale“ in Genf im Jahre 1866 legten sie eine
') Zur Verhöhnung des Untertitels: Philosophie de la MisexE, den
Phoudhon den C ontradictions economiques gegeben hatte.
2 j In einem Briefe an Karl Marx vom 17. Mai 1846 (Briefwechsel, Bd. II,
8. 199) hatte sich Phoudhon aus Anlaß des Ausdrucks „im Moment der Aktion“,
der in einem Briefe Karl Maex’s stand, sofort gegen jeden Gedanken einer Re
volution gewendet. „Vielleicht hegen Sie noch die Meinung, daß heute keine Reform
ohne einen Handstreich möglich sei, ohne das, was man früher eine Revolution
nannte, und was weiter nichts als eine Erschütterung ist. Wenn ich diese Meinung
auch verstehe, ja sie entschuldige und sie gern diskutieren würde, da auch ich
sie lange Zeit hindurch geteilt habe, so haben mich meine letzten Studien doch
vollständig davon abgebraoht. Ich glaube, daß wir das nicht nötig haben, um
durchzudringen: und daß wir daher die revolutionäre Aktion keineswegs als
Mittel einer sozialen Reform hinstellen dürfen, weil dieses angebliche Mittel nur ein
Appell an die Gewalt, an die Willkür, kurz ein Widerspruch sein würde. Für
mich stellt sich das Problem wie folgt dar: Durch eine wirtschaft
liche Kombination die Reichtum er in die Gesellschaft zurüok-
zuleiten, die durch eine andere wirtschaftliche Kombination ihr
entzogen worden sind.“ — An anderer Stelle, in den Confessions d’un
revolutionnaire (S. 61): „Eine Revolution ist die Explosion einer organischen
Kraft, eine Entwicklung der Gesellschaft von innen nach außen; sie ist nur be
rechtigt, in soweit sie spontan, friedlich und traditionell ist. Die Tyrannei, sie
zu unterdrücken oder sie mit Gewalt erzwingen zu wollen, bleibt sich gleich.“ —
Uber das Verhältnis der Ideen Proudhon's zu denen Karl Marx’ vgl._ Bourguin;
Phoudhon et Karl Marx, ein Aufsatz, der 1893 in der Revue d’Economie
politique erschien.