Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Optimisten.

369

nennen  könnte,  die  von  da  an  in  ein  einziges  Glaubensbekenntnis  verschmolzen ­
  und  einen  und  denselben  Namen  trugen;  Liberalismus.
Die  wirtschaftliche  Freiheit,  die  der  Arbeit  und  des  Tausches,  erschien ­
  nunmehr  als  eine  Unterabteilung  in  der  Gesamtheit  der  notwendigen ­
  Freiheiten,  ebenso  wichtig  wie  die  Gewissensfreiheit  und
die  Freiheit  der  Presse.  Wie  die  anderen  war  auch  sie  eine  Errungenschaft ­
  der  Demokratie  und  der  Kultur,  und  es  schien  ebenso
eitel,  sie  unterdrücken  zu  wollen,  als  zu  versuchen  einen  Strom  zu
seiner  Quelle  zurückzulenken.  Sie  war  ein  Bestandteil  des  allgemeinen ­
  Programmes  der  Befreiung  von  jeder  Hörigkeit.
Nicht  umsonst  fiel  die  Geburt  der  Nationalökonomie  in  die  Todesstunde ­
  des  „ancien  regime“;  und  wenn  die  Physiokraten,  die  ersten
liberalen  Optimisten,  in  so  ungerechter  Weise  von  denen,  die  doch
ihre  Söhne  waren,  ignoriert  und  verlassen  worden  sind,  so  lag  das
■sicherlich  viel  weniger  an  ihren  wirtschaftlichen  Fehlern,  als  au
ihren  politischen  Lehren  und  besonders  an  der  von  dem  „gesetzlichen ­
  Despotismus“,  die  den  Liberalen  von  1830  als  eine  Monstruosität
  oder  wenigstens  als  ein  Überbleibsel  der  alten  Ordnung  erschien. ­
  Dieses  Gebrechen  genügte  in  ihren  Augen,  um  das  physiokratische
  System  durchaus  zu  diskreditieren  ').
Das  Buch  von  Charles  Dünoyee,  das  1845 2 )  unter  dem  etwas
1  angen  aber  klaren  Titel  erschien;  Von  der  A  r  b  e  i  t  s  f  r  e  i  h  ei  t
oder  einfach  eDarlegung  der  Bedingungen,  unter  denen
die  menschlichen  Kräfte  sich  mit  dem  größten  Erfolge
betätigen,  kennzeichnet  mit  großer  Genauigkeit  diese  Ara  des
politisch-ökonomischen  Liberalismus.  Aber,  mag  das  Buch  Dunoter’s
auch  der  Verherrlichung  der  Freiheit  in  allen  ihren  Formen  und
besonders  der  der  Konkurrenz  gewidmet  sein,  so  erscheint  doch  die
optimistische  Tendenz  in  ihm  weniger  auffällig  als  in  einem  anderen
Buche,  das  fast  zur  gleichen  Zeit  erschien  und  viel  berühmter  geworden
ist,  in  den  ökonomischen  Harmonien  (les  Harmonies  Economiques)  i  /
Bastiat’s  (1850).  In  diesem  Buche  und  in  den  anderen  Schriften  desselben ­
  Verfassers  werden  wir  die  Hauptzüge  dieser  Lehre  suchen
müssen.  Gewiß,  Bastiax  ist  wegen  der  Übertreibungen  seines  Optimismus
und  seines  Glaubens  an  die  Endzwecke  von  einer  großen  Anzahl  Volkswirtschaftler ­
  der  liberalen  Schule  verleugnet  worden.  Dennoch  bleibt
er  der  bedeutendste  Vertreter  der  optimistischen  liberalen  Lehre,  und
man  könnte  vielleicht  sagen,  der  ganzen  französischen  Schule.
1 )  Siehe  weiter  oben  (S.  39—40),  was  wir  über  die  politische  Lehre  der  Physiohraten
  gesagt  haben.
2 )  Es  hat  frühere  Ausgaben  gegeben,  aber  unter  verschiedenen  Titeln  und  von
Ideinerem  Umfange  (in  den  Jahren  1825  und  1830).  Wir  werden  Dunoybr  etwas  weiter
■unten  wieder  finden.  Vgl.  Villby,  L’oeu  vre  economique  de  Dunoyeh,  Paris,  1899.
Gide  und  Eist,  Gesch,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  24
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.