372 Drittes Buch. Der Liberalismus.
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jede wissenschaftliche Bedeutung ah. Nach ihnen sind seine Schriften
weiter nichts als eine breitere Fassung von Feanklxk’s „Weisheit
des armen Richard“, wo Gleichnisse an Stelle von Beweisen
treten, und die so berühmte Klarheit seines Stiles liege nur daran,
daß er nichts zu sagen habe.
Bastiat verdient jedoch eine bessere Beurteilung. Der Mann,
der geschrieben hat: „Wenn ich das Unglück hätte, in dem Kapital
nur den Vorteil des Kapitalisten zu sehen, würde ich Sozialist
werden“, und weiterhin: „die national-ökonomische Wissenschaft be
darf dringend einer Untersuchung über die Geschichte der Ausbeutung
(Spoliation)“, ein solcher Mann ist mehr als nur ein „guter Bourgeois“.
Allerdings hat er den Optimismus übertrieben, wie ebenso den Libe
ralismus, den Moralismus und den Finalismus der französischen Schule;
sein Unglück wollte, daß er den Höhepunkt dieser Lehre bezeichnete,
nach dem unabänderlich die Reaktion einsetzen mußte, so daß er den
ganzen Gegenstoß erhielt, der sein Werk wie weggeweht hat.
Wenn nun allerdings die Argumente Bastiat’s gegen den Sozialis
mus veraltet sind — ebenso wie übrigens die speziellen sozialistischen
Organisationsmethoden, gegen die sie sich richteten — so kann man
doch nicht dasselbe über seine Beweisführung gegen das Schutzsystem
sagen. Hier ist er nicht ohne jeden Einfluß geblieben. Allerdings
ist es ihm nicht gelungen, die Schutzzollpolitik mattzusetzen, jedoch
hat er die Nichtigkeit einer gewissen Anzahl ihrer Argumente end
gültig bewiesen. Wenn uns heute die Protektionisten nicht mehr mit
„der Überschwemmung“ oder „der Überflutung“ durch fremde Pro
dukte drohen, wenn das alte und berühmte Argument der „nationalen
Arbeit“ nur noch gedämpft erklingt, so ist dies, was allzu oft ver
gessen wird, ein Erfolg der bewunderungswürdigen kleinen Aufsätze,
wie z. B. .der „Petition der Kerzenraacher“ oder „die Petition der
linken Hand gegen die rechte“. Niemals wird man besser als
Bastiat die lächerlichen Folgen darlegen, die sich ergeben, wenn man
einen Tunnel durch die Berge, die die Länder trennen, bohrt, um den
Handel zu erleichteni, und nachher eine Zollschranke an jedem Ende
aufrichtet; — oder den Widerspruch, der darin liegt, dem Groß
grundbesitzer oder dem Kapitalisten durch einen Zollschutz ein
Minimum von Einkommen zu garantieren, und dem Arbeiter einen
Minimallohn zu verweigern; — oder weiter, daß der Zoll eine
schwieriger zu verteidigende Abgabe als die wirkliche Steuer ist,
denn während diese dem Individuum zum Vorteil der Gesellschaft
auferlegt wird, belastet jener Alle zum Nutzen Einiger.
Weniger glücklich ist er von seinem Standpunkt eines aus
schließlichen Individualismus und in seiner Tendenz zu übertriebener
Vereinfachung gewesen, wenn er den Tausch zwischen Individuen