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Drittes Buch. Der Liberalismus.
reicht, die schon vor Maex lehrten, daß die Arbeit die einzige Quelle
alles Eeichtums sei, und daß infolgedessen aller Reichtum den
Arbeitern gehören müsse; aber diese Idee kommt ihm nicht. Er
beschäftigt sich nur mit der Produktion und gar nicht mit der Ver
teilung. y
Was aber die Produktion anlangt, so zieht er aus seinem Prinzip
interessante Schlußfolgerungen.
Zunächst ist es ihm gleichgültig, ob die Arbeit sich mit materi
ellen Gegenständen beschäftigt oder nicht; das ändert weder ihren
Charakter, noch ihre Produktivität, denn in dem einen wie im
anderen Falle produziert sie stets nur einen immateriellen Gegen
stand, der sich die Nützlichkeit nennt. Das, was der Bäcker
hervorbringt, ist nicht eigentlich das Brot, sondern die Befriedigung
eines Bedürfnisses: dasselbe, weder mehr noch weniger, tut die
Sängerin. Dies stellt sofort die sogenannten freien Berufe auf eine
Stufe mit der reinen Handarbeit, und auch hier steht Dünoyee auf
dem Gegenpol der Physiokraten').
Im Gegensatz zu dem, was man glauben könnte, wird aber der
Handel von dieser großzügigen Auffassung der Produktion nichts
gewinnen. Während Dünoyee der Sängerin Produktivität zuerkennt,
spricht er sie dem Kaufmann ab! und kommt durch diese eigen
tümliche Wandlung seines Gedankenganges zu der Auffassung der
Physiokraten zurück. Warum das? Weil'dort, wo keine Arbeit be
steht, auch keine Produktion vorhanden sein kann. Kaufen oder
verkaufen ist keine Arbeit-): daher ist auch der Tausch nicht pro
duktiv. <— Aber der Tausch schafft ja doch Nützlichkeiten! Was
') J v -B. Say hatte schon neben materiellen Keiohtümern, immaterielle zu
gegeben — in der Form von geleisteten Diensten — und die Annahme, daß in
diesem Sinne Professoren, Ärzte oder Schriftsteller produktiv genannt werden können,
als richtig anerkannt.
Ddnoyek jedoch, obgleich er diese Schlußfolgerung gelten läßt, kritisiert die
Art und Weise, wie sie dargelegt wird. Er gibt keinen Unterschied zwischen
immateriellen und materiellen Keiohtümern zu: auf beiden Seiten bestehen nur
Nützlichkeiten. „Wahr ist, daß die Erziehung, der Geschmack nsw. immaterielle
Erzeugnisse sind; schaffen wir aber jemals andere?“ — Nur hat Dünoybr den
Fehler begangen, seinen Gedanken einen besonderen und etwas grotesken Ausdruck
zu geben, indem er sagt: „Ein guter Lehrer ist ein Produzent aufgeklärter Menschen“,
und ein Arzt „ein Produzent gesunder Menschen“. Man kann sich wirklich nicht
erklären, welche Inkonsequenz Dünoyer, der soeben die Ergebnisse der Handarbeit
immaterialisierte, dazu bringt, jetzt plötzlich die Ergebnisse der intellektuellen
Arbeit grob zu raateralisieren.
2 ) „Arbeit und Tausch sind zwei Keihen allgemeiner Tatsachen, die durch
ihre Natur durchaus voneinander verschieden sind . . . Arbeiten heißt produzieren:
Handel treiben, austauschen enthält auch nicht die geringste Idee einer Produk
tivität“ (S. 599).