Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Zweifel  in  dem  ziemlich  rätselhaften  Satze  Quesnay’s  ausgesprochen
werden,  wo  er  sagt:  „Fülle  und  Billigkeit  ist  nicht  Reichtum.  Knappheit ­
  und  hohe  Preise  ist  Armut.  Fülle  und  hohe  Preise  ist
Wohlleben“  *).
Wenn  aber  der  „gute  Preis“  nur  der  Wertüberschuß  des  Erzeugnisses ­
  über  die  Produktionskosten  ist,  so  wird  dieser  Mehrwert  nicht
öfter  und  nicht  seltner  in  der  landwirtschaftlichen  als  in  der  industriellen ­
  Produktion  in  Erscheinung  treten.  Er  wird  sich  in  der
einen  nicht  mehr  als  in  der  anderen  überall  dort  bemerkbar  machen,
wo  beide  dem  Gesetz  der  Konkurrenz  unterworfen  sind;  im  Gegenteil ­
  wird  er  überall  dort,  wo  Seltenheit  besteht,  in  der  einen  wie  der
anderen  auftreten.  Es  bleibt  daher  nur  die  Frage,  ob  Monopolwerte
in  der  landwirtschaftlichen  Produktion  öfter  als  in  der  industriellen
Produktion  Vorkommen.  Ganz  allgemein  kann  man  diese  Frage  bejahen, ­
  da  die  Menge  des  Bodens  der  Natur  der  Sache  nach  begrenzt
ist,  und  infolgedessen  bleibt  ein  gewisser  Teil  Wahrheit  in  der  physiokratischen
  Theorie  bestehen,  —  obgleich  die  Aufstellung  von  Schutzzöllen ­
  in  jedem  Lande  und  die  landwirtschaftlichen  Krisen  bezeichj
  nend  genug  für  den  starken  Einfluß  der  Konkurrenz  auf  den  Boden
V  sind.  Jedenfalls  ist  dies  aber  nur  eine  Frage  der  Praxis.
Der  Reinertrag  im  physiokratischen  Sinne  ist  also  nur  eine
Illusion;  er  kann  weder  in  der  Schöpfung  eines  Stoffes,  noch  in  der
eines  Wertes  gesucht  werden.  Diese  Illusion  läßt  sich  aber  aus
dem'  geschichtlichen  Milieu,  in  dem  die  Physiokraten  lebten,  erklären.
Was  sahen  sie  damals?  -  Eine  ganze  Klasse  von  Menschen,  der  Adel
und  die  Geistlichkeit,  lebten  von  den  Pachterträgnissen  ihrer
Ländereien;  wie  aber  hätten  sie  leben  können,  wenn  die  Erde  nicht
die  Kraft  gehabt  hätte,  außer  den  von  den  Bauern  verbrauchten
Erzeugnissen  noch  den  nötigen  Überschuß  hervorzubringen,  um  den
Besitzern  die  Möglichkeit  einer  vornehmen  Lebensführung  zu  gewähren? ­
  Es  wirkt  ganz  eigentümlich,  wenn  man  bedenkt,  daß  sie
wohl  in  den  Handwerkern  Stipendienempfänger  im  Dienste  der  Landwirte ­
  sahen,  aber  nicht  auf  den  Gedanken  kamen,  daß  die  müßigen
Landbesitzer  ebensogut  als  Stipendienempfänger  der  Pächter  angesprochen ­
  werden  könnten.  Wenn  es  zu  ihrer  Zeit  eine  zahlreiche
Klasse  von  Aktionären  gegeben  hätte,  denen  ihre  Renten  gestatteten,
ein  ebenso  „vornehmes“  Leben  zu  führen,  würden  die  Physiokraten
wahrscheinlich  auf  das  Bestehen  eines  industriellen  Reinertrages  geschlossen ­
  haben.
Der  Gedanke,  daß  die  Natur  oder  Gott  mittels  der  Erde  Werte
schafft,  war  übrigens  ziemlich  eingewurzelt,  da  ja  A.  Smith,  wie  wir

*)  Qübsnay,  S.  325.
            
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