Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 431
des Liberalismus. Das öffentliche Interesse wendet sich mehr und mehr
von den Ideen der „Gründer“ ab. Und da es auf der anderen Seite
keinem der neuen Systeme gelingt, sich die Vorherrschaft zu sichern,
kommt es zu einer Art Zersplitterung der wirtschaftlichen Gedanken,
die viele dazu bringt, hinsichtlich aller Theorien und aller Volks
wirtschaftspolitik dem ausgesprochensten Skeptizismus zu huldigen.
Die schöne Zuversicht, die früher geherrscht hatte, macht dem Zweifel
Platz. Der relativen Einheitlichkeit der Anfänge folgt die Vielheit
der Meinungen, und die Wissenschaft sucht von neuem ihren Weg.
ln dem letzten Buche dieser Geschichte werden wir sehen, wie
etwas später hervorragende Schriftsteller dazu gelangt sind, allen,
denen es um allgemeine Wahrheiten zu tun ist, einen neuen Sammel
punkt zu geben, indem sie die wissenschaftliche Tradition der Gründer
Wiederaufnahmen, aber die wirtschaftliche Wissenschaft von jedem
System politischer Praxis trennten und so abermals ein vollständiges
Gebäude gut zusammen gefügter Lehren aufrichteten.
Kapitel I.
Die historische Schule
und der Streit über die Methoden.
Die von der historischen Schule geschaffenen und vertretenen
Gedanken erfüllen die ganze zweite Hälfte des neunzehnten Jahr
hunderts. Während seines letzten Viertels haben sie sogar ihren
Höhepunkt erreicht. Ihr Geburtsdatum liegt aber viel weiter zurück.
Es fällt ungefähr mit dem Erscheinen eines kleinen Buches im
Jahre 1848 zusammen: dem Grundriß Eoscher’s. Um die Ideen
der Schule zu verstehen, muß man sich in diese Zeit zurückversetzen:
— denn der Zustand, in dem sich damals die Nationalökonomie
befand, rechtfertigt und erklärt die Kritik der historischen Schule.
Mit den Nachfolgern J.-B. Say’s und Kxcakdo’s nahm die National
ökonomie einen mehr und mehr abstrakten Charakter an. Bei
einigen unter ihnen zeigt sich das Bestreben, sie auf eine kleine
Anzahl theoretischer Grundsätze einzuengen, die wie geometrische
Theoreme formuliert sind und sich hauptsächlich auf den inter
nationalen Güteraustausch, auf die Bestimmung der Höhe des Profits,
der Löhne und der Grundrente beziehen. Selbst wenn man die
ßichtigkeit dieser Theoreme zugeben wollte, sind sie doch weit
davon entfernt, die ganze Vielfältigkeit der wirtschaftlichen Phänomene