Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  433

Man  konnte  versuchen,  diese  Kluft  zwischen  der  Wirklichkeit  und
4er  Theorie  auf  zweierlei  Weise  zu  verschmälern.  Entweder,  indem
man  durch  die  Analyse  eine  neue  Theorie  aufbaute,  die  harmonischer
und  umfassender  wmr,  —  das  ist  der  Weg,  den  gegen  1870  Mekgeb  p
•Jevons  und  Walras  betraten,  —  oder  radikaler,  indem  man  jede
abstrakte  Theorie  überhaupt  verwarf  und  in  der  Darstellung  der
Wirklichkeit  den  einzigen  Gegenstand  der  Wissenschaft  sah:  diesen
Weg  wählte  man  zuerst,  und  die  historische  Schule  schlug  ihn  ein.
Freilich  hatten  schon  lange  vor  der  Gründung  einer  historischen
„Schule“  gewisse  Schriftsteller  auf  die  Gefahr  hingewiesen,  die  der
Wissenschaft  aus  dem  Mißbrauch  der  Abstraktion  erwachsen-mußte.
ISismond  i,  der  selbst  Historiker  war,  betrachtete  die  Nationalökonomie
als  eine  „moralische“  Wissenschaft,  in  der  „alles  zusammenhängt“.
Er  wollte,  daß  man  die  ökonomischen  Phänomene  in  dem  sozialen
und  politischen  Milieu,  in  dem  sie  auftraten,  studiere.  Er  kritisierte
die  allgemeinen  Theoreme  Ricaedo’s  und  befürwortete  die  genaue
Beobachtung  der  Tatsachen 1 ).  Noch  kräftiger  hatte  List  die  klassischen
Volkswirtschaftler  angegriffen.  Seine  Vorwürfe  machten  nicht  bei
Ricardo  halt,  sondern  wendeten  sich  sogar  gegen  Smith.  Indem  er
die  Geschichte  als  Demonstrationsmittel  benutzte,  indem  er  die
„Nationalität“  als  Basis  seines  Systems  nahm,  untenvarf  er  die  ganze
Handelspolitik  jenem  Prinzip  des  „Relativismus“,  auf  das  die  historische
Schule  so  viel  Nachdruck  gelegt  hat 2 ).  Und  weiterhin  hatten
die  Sozialisten  selbst,  besonders  die  Saint-Simonisten,  deren  ganzes
System  nur  eine  umfassende  Geschichtsphilosophie  ist,  durch  ihre
Kritik  des  Eigentums  die  Unmöglichkeit  nachgwiesen,  die  wirtschaftlichen ­
  Tatsachen  von  den  sozialen  und  rechtlichen  Einrichtungen
zu  isolieren.
Aber  keiner  dieser  Autoren  hatte  in  der  Geschichte  und  in  der
Beobachtung  mit  Absicht  ein  Mittel  gesucht,  die  ganze  Volkswirtschaftslehre ­
  neu  zu  konstruieren.  Dieser  Versuch  macht  die
Originalität  der  deutschen  historischen  Schule  aus.
1 )  Es  ist  eigentümlich,  daß  die  „Historiker“  fast  niemals  Sismondi  unter  ihren
Vorläufern  aufzählen.  Koscher  und  Hildebhand  erwähnen  ihn  nicht,  und  Knies
hält  ihn  mehr  für  einen  Sozialisten  (vgl.  Die  politische  Ökonomie  vom
geschichtlichen  Standpunkt,  2.  Ausg.  S.  322).
2 )  Doch  hat  auch  List  keine  Gnade  vor  den  „Historikern“  gefunden.  Hildebhand
wirft  ihm  vor,  mit  der  „atomistisohen  Auffassung“  Smith’s  behaftet  zu  sein  und  die
„ethische  Natur  des  Gemeinwesens“  zu  vergessen.  „Bei  List“,  sagt  er,  „erscheint
jede  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter  den  öffentlichen  Zweck  nur  als  Forderung
der  Klugheit  und  des  wohlverstandenen  Eigennutzes,  nicht  als  sittliche  Pflicht,
welche  aus  der  Natur  des  Gemeinwesens  hervorgeht.“  (Hildebrand,  Die  Nationalökonomie ­
  der  Gegenwart  und  Zukunft,  S.  73.)  Man  ersieht  hieraus,  wie
die  ethischen  Forderungen  die  historische  Schule  beschäftigten.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.

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