Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 441 
jetzt; an erster Stelle standen die Arbeiterfragen 1 ) mit ihrer For 
derung nach positiven Losungen. Diesen drängenden Problemen 
gegenüber gaben die Theorien der klassischen Schule keine Antwort. 
Eine neue Untersuchung der wirtschaftlichen Einrichtungen, der 
sozialen Organisation, der Lebensbedingungen der Arbeiterklassen 
schien allein imstande, dem Gesetzgeber die unumgänglich nötigen 
Kenntnisse zu geben. Um das Verständnis der Gegenwart zu er 
leichtern, zwingt sich der Vergleich mit der Vergangenheit auf. 
Allen, die soziale Reformen wünschten, erscheint die historische 
Methode in diesem Augenblick als ein Instrument des Fortschrittes, 
und der Erfolg der Methode wird von der praktischen Wirksamkeit, 
die man ihr znschreibt, vergrößert. Rechnen wir hierzu das Prestige, 
das seit 1871 die deutsche Wissenschaft gewann, und die Tatsache, 
daß sich in Deutschland die historische Nationalökonomie mit dem 
Staatssozialismus verbündete, so wird man die Gunst verstehen, die 
die Schule im Ausland erworben hat. 
In England, dieser Hochburg der Wirtschaftslehre Ricaedo’s, 
macht sich der Einfluß der historischen Schule nach 1870 ganz aus 
gesprochen fühlbar. 
Die gleichen methodologischen Diskussionen, die die deutsche 
Nationalökonomie beschäftigen, treten auch hier auf. Caienes betont 
in seinem Buch „the characterand logical method of poli- 
tical economy“, das 1875 wieder herausgegeben wurde 2 ) mit 
Nachdruck die Berechtigung der Deduktion, so wie die alte National 
ökonomie sie anwendete. Aber 1879 antwortete ihm Clieeb Leseie 
in seinen „Essays on political and moral Philosophy“, in 
dem er alle Waffen der deutschen historischen Schule gegen die 
klassischen Methoden ins Feld führte. Die Induktion gegenüber der 
Deduktion, die Notwendigkeit, die Volkswirtschaft in Zusammenhang 
mit den anderen sozialen Wissenschaften zu bringen, die Relativität 
der wirtschaftlichen Gesetze, die Geschichte als Auslegnngsmethode 
der wirtschaftlichen Tatsachen, alle diese Ideen finden wir bei dem 
englischen Schriftsteller eindrucksvoll entwickelt. Zur gleichen Zeit 
1 ) Ihr Einfluß ist besonders von Toynbbe in seinem Aufsatz: Eicardo and 
the old political Economy hervorgehoben worden: „Die Arbeiterfrage, die durch 
die Freiheit, das einzige Heilmittel der deduktiven politischen Schule, unmöglich 
gelöst werden konnte, ließ die Methode der Beobachtung wieder auflehen. Die 
Nationalökonomie ist von den Arbeiterklassen umgeformt worden“ 
(8.10). An anderer Stelle: „Man betrachtet die historische Methode oft als konservativ, 
weil sie das allmähliche und erhabene Wachstum unserer ehrwürdigen Einrichtungen 
beschreibt; sie kann aber einen ganz entgegengesetzten Einfluß ausüben, indem sie die 
groben Ungerechtigkeiten nachweist, die gerade während dieses Wachstums blind 
verübt worden sind.“ (Arnold Toynbee: The Industrial Eevolution, S. 68.) 
2 ) Die erste Ausgabe war 1857 erschienen. Über Caiknes siehe oben 88. 426—427.
	        
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