Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  445

a)  Was  die  Anhänger  der  historischen  Schule  Smith  und  seinen
Nachfolgern  am  wenigsten  verzeihen,  ist  ihr  „Universalismus“,  wie
Hilbebeand  sagt,  ihr  „Absolutismus  oder  ihr  Perpetualismus“,  wie
Knies  sich  ausdrückt.  Sie  sagen,  daß  die  englisch-französische  Schule
geglaubt  habe,  die  von  ihr  formulierten  wirtschaftlichen  Gesetze  verwirklichten ­
  sich  überall  und  zu  jeder  Zeit.  Auch  habe  sie  sich  eingebildet, ­
  daß  die  Nationalökonomie,  die  sie  daraus  ableitete,  allgemein
und  überall  angewendet  werden  könne.  Dieser  Absolutismus,  sagen
die  Anhänger  der  historischen  Schule,  muß  in  der  Zukunft  dem
Relativismus  in  der  Praxis  ebenso  wie  in  der  Theorie  Platz  machen.
Zunächst  in  der  Praxis!  Eine  gleichmäßige  wirtschaftliche  Gesetzgebung ­
  läßt  sich  nicht  unterschiedslos  auf  alle  Epochen  und  alle
Länder  anwenden.  Sie  muß  sich  nach  den  wechselnden  Bedingungen
des  Ortes  und  der  Zeit  richten.  Die  Kunst  des  Staatsmannes  besteht
darin,  die  Prinzipien  neuen  Notwendigkeiten  anzupassen  und  auf
Grund  neuer  Probleme  originelle  Lösungen  zu  finden.  —  Wir  müssen
aber  mit  Mengeb  zugeben,  daß  dieses  allgemeine  Prinzip,  das  seit  Jahrhunderten ­
  proklamiert  war,  zu  selbstverständlich  ist,  als  daß  es  nicht
ohne  jeden  Zweifel  die  Zustimmung  Smith’s,  Say’s  und  sogar  Ricaedo’s
gefunden  hätte 1 ),  auch  wenn  sie  es  manchmal  vergaßen,  indem  sie
die  Einrichtungen  der  Vergangenheit  zu  streng  beurteilten,  oder  indem
sie  das  laisser-faire  als  ein  universelles  Heilmittel  hinstellten.
Aber,  und  auf  diese  zweite  Idee  legt  die  historische  Schule  das
Hauptgewicht,  die  ökonomische  Theorie  und  die  ökonomischen  Gesetze, ­
  die  auf  ihr  beruhen,  besitzen  ebenfalls  nur  einen  relativen
Wert,  Hierin  soll  die  bis  dahin  verkannte  Wahrheit  liegen.  Die
Gesetze  der  Physik  und  der  Chemie,  mit  denen  die  Klassiker  gern
die  wirtschaftlichen  Gesetze  vergleichen,  verwirklichen  sich  notwendigerweise ­
  überall  und  stets.  Mit  den  wirtschaftlichen  Gesetzen
ist  dies  aber  nicht  der  Fall.  Besonders  Knies  hat  auf  diesen  Punkt
hingewiesen.  „Ebenso  wie  die  wirtschaftlichen  Lebenszustände,“  sagt
„so  ist  auch  die  Theorie  der  politischen  Ökonomie,  in  welcher
Form  und  Gestalt,  mit  welchen  Argumenten  und  Resultaten  wir  sie
auch  finden,  ein  Ergebnis  der  geschichtlichen  Entwicklung  ...  Sie
hat  in  dem  geschichtlichen  Leben  den  Fonds  ihrer  Argumentationen,
and  sie  muß  ihren  Resultaten  den  Charakter  geschichtlicher  Lösungen
beilegen;  auch  die  „allgemeinen  Gesetze“  der  Nationalökonomie

b  Vgl.  Menuee,  op.  eit,  S.  130ff.  Hie^  kann  man,^”^5
ür*z“Ä p  äää  4  b.« k ,» r
aber  sie  täuschen  sich,  wenn  sie  glauben,  daß  die  alten  Ökonomisten  sie  nicht  ge
kannt  hätten.  Es  ist  eine  englische  Gewohnheit,  viele  Ergänzungen  dem  gesunden
Verstand  des  Lesers  zu  überlassen  .  .  .“
            
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