Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

heit  von  der  historischen  Schule  trennt.  Er  hat  mit  viel  Scharfsinn
die  verschiedenen  Beweggründe,  die  den  Menschen  in  seinem  wirtschaftlichen ­
  Leben  leiten,  untersucht  und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß
von  allen  Beweggründen  „der  Egoismus“  der  einzige  wirklich  beständige ­
  und  dauernde  ist.  „Daraus  erklärt  sich  und  rechtfertigt
sich“,  sagt  er,  „daß  die  Methode  der  Deduktion  der  politischen  Ökonomie ­
  gerade  dieses  Motiv  als  Ausgangspunkt  genommen  hat x )“.
Nach  dieser  Feststellung  muß  man  mit  Knies  jedoch  anerkennen,
daß  die  klassischen  Volkswirtschaftler  die  Veränderungen,  die  die
Bestrebungen  des  persönlichen  Interesses  in  der  Wirklichkeit  unter
dem  Einfluß  anderer  Beweggründe  erleiden,  nicht,  wie  Knies  sagt,
geleugnet,  aber  doch  zu  sehr  vernachlässigt  haben.  Sie  sind  hierin
manchmal  soweit  gegangen,  daß  sie  die  Nationalökonomie  in  eine
„einfache  Naturgeschichte  des  Egoismus“,  wie  Hildebeand  sagt,  verwandelt ­
  zu  haben  scheinen.
Wir  müssen  aber  hier  die  Bemerkung,  die  wir  eben  gemacht
haben,  wiederholen.  Zur  Zeit,  als  Knies  seine  Kritik  formulierte,
hatte  sie  schon  aufgehört,  wirklich  berechtigt  zu  sein.  Schon  seit
mehr  als  zehn  Jahren  hatte  Stuaet  Miel  in  seiner  Logik  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  diesen  Punkt  gelenkt.  Er  schrieb:  „Ein  englischer
Volkswirtschaftler,  wie  seine  Landsleute  im  allgemeinen,  kann  nicht
begreifen,  wie  leicht  es  vorkommt,  daß  mit  dem  Verkauf  von  Waren
über  den  Ladentisch  beschäftigte  Leute  mehr  an  ihre  Bequemlichkeit
und  ihre  Eitelkeit  als  an  ihren  klingenden  Gewinn  denken“  2 ).  Für
seinen  Teil  erklärte  er:  „daß  es  im  Leben  eines  Menschen  vielleicht
nicht  eine  einzige  Handlung  gibt,  deren  Ursache  nicht  in  einem
mehr  oder  weniger  ersichtlichen  Beweggrund  läge,  der  nichts  mit
dem  Wunsch  nach  Bereicherung  zu  tun  hat“ 3 ).  So  ist  schon  für
Stuaet  Mill  der  egoistische  Beweggrund,  die  Jagd  nach  dem  Gewinn,
nicht  mehr  der  „unveränderliche  und  allgemeine“  Beweggrund  des
Menschen.  Wie  wir  schon  in  dem  vorhergehenden  Kapitel  gesehen
haben,  deckt  sich  sogar  für  Stuaet  Mill  der  Egoismus  oder  das
wohlverstandene  persönliche  Interesse,  wie  er  es  definiert,  mit  dem
Altruismus.
Aber  auch  hier  haben  die  Vorwürfe  der  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  trotz  ihrer  Übertreibungen,  ebenfalls  die  Volkswirtschaftler ­
  anderer  Richtungen  dazu  gezwungen,  ihre  Auffassungsweise
genauer  zu  präzisieren.  Heute  behauptet  Maeshall,  daß  sich  die
Volkswirtschaftler;  „mit  dem  Menschen,  so  wie  er  ist,  beschäftigen;

b  A.  Wagner,  Grundlegung,  §  67.
b  Stuaet  Mill,  Logik,  Bd.  II,  S.  502
3 )  Ebenda,  S.  408.
            
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