168 Richard Müller:
trauten in Zukunft vielleicht manchen wertvollen Fingerzeig aus solchen
wissenschaftlichen Vorprüfungen bekommen können, zumal wenn es
sich um bestimmte, für Hand- oder maschinelle Arbeit erforderliche
nerven- oder muskelmäßige Voraussetzungen handelt, Schon das be-
deutet einen unermeßlichen Gewinn für die Volkswirtschaft, denn es
bedarf wohl keiner Erörterung, daß die Höchstleistung von mehr mecha-
nisch beschäftigten Arbeitskräften nach gründlicher Feststellung der
hervorstechendsten körperlichen Eigenschaften leichter und mit größter
Freudigkeit erreicht wird, als wenn durch Einstellung am falschen Platz
die Erzielung selbst mäßiger Durchschnittsleistungen erschwert ist und
das Erklimmen der Höhe in entsprechend weite Ferne gerückt erscheint,
Die Führer werden deshalb nicht nur platonisch oder mit gelegentlichen
Geldspenden an wissenschaftliche Institute ihrer Pflicht in dieser Hin-
sicht genügen, sondern sie sollten praktisch jede Möglichkeit der An-
wendung solcher Verfahren unterstützen, denn nur dann kann die
Grundlage für diese Untersuchungen immer weiter ausgebaut werden,
um damit eines der verwickeltsten Probleme der Lösung einen Schritt
näherzubringen, das so einfach lautet: Wo ist der gegebene Platz für
diesen Menschen?
Die Schwierigkeiten wachsen erheblich, sobald es sich nicht nur
um die Auswahl für mehr mechanische Verrichtungen, sondern für
geistige Leistungen zunächst in einfacherem Sinne handelt. Vielleicht
wird man für einen Teil der benötigten Eigenschaften auch noch wissen-
schaftliche Prüfungsverfahren, z. B. für die Feststellung schneller Auf-
fassung und dergleichen anwenden können, aber sehr oft werden sie
hier versagen und die Menschenkenntnis wird an ihre Stelle treten
müssen, Daß Zeugnisse und Auskünfte dabei manchmal nützlich sind,
kann nicht bestritten werden, aber der Wirtschaftsführer weiß, daß
ebensooft grobe Enttäuschungen eintreten, wenn man sich zu sehr auf
sie verläßt, Im vorigen Rahmen, vielleicht engbegrenzt, ohne große
Verantwortung, weil der Leiter selbst alles sah — und machte, hat sich
in der Tat das Bild des Betreffenden ganz gut ausgenommen und in den
Auskünften entsprechenden Niederschlag gefunden, aber o weh, in den
scharfen Wind gestellt, bleibt nur ein wenig erfreulicher, langsamer,
unentschiedener Mittelmensch übrig, und das Suchen beginnt entweder
von neuem, oder der Ärger der falschen Wahl frißt dauernd weiter.
Auch der erfahrenste Betriebsleiter und Menschenkenner wird hierbei
Nieten ziehen, weil die Probe auf das Exempel bei jeder geistigen
Leistung, sei sie noch so bescheiden, erst die Richtigkeit beweist,
solange es keine Maschinen gibt, die das Gesamtbild eines Menschen,
seinen Charakter und seine besondere Begabung vom Gehirn ablesen
lassen, und das wird wohl noch gute Weile haben!