Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  459

Ist  zunächst  wirklich,  ein  konkretes  „realistisches“  Bild  des  Wirtschaftslebens ­
  der  letzte  Zweck  der  Wissenschaft,  wie  die  Anhänger
der  historischen  Schule  gerne  sagen?  Verdient  eine  Disziplin  nicht
im  Gegenteil  den  Namen  "Wissenschaft  um  so  rechtmäßiger,  je  größer
der  allgemeine  Charakter  der  Schlußfolgerungen  ist,  zu  denen  sie
gelangt?  Schon  Aeistoteles  sagte:  „Es  gibt  nur  eine  Wissenschaft,
die  des  Allgemeinen“.  Ist  die  Beschreibung  der  konkreten  Wirklichkeit,
so  unentbehrlich  sie  auch  sein  mag,  nicht  nur  der  erste  Schritt
zur  Bildung  der  Wissenschaft?  Ist  die  Wissenschaft  auf  Grund  ihrer
Natur  nicht  mehr  erklärend  als  beschreibend?
Allerdings  beschränken  sich  nicht  alle  Historiker  auf  die  Beschreibung. ­
  Viele  wollen  auch  erklären.  Das  Mittel,  dessen  sie  sich
bedienen,  ist  die  Geschichte.  Ist  dieses  Mittel  nun  wirklich  gut
gewählt  ?
„Die  Geschichte“,  sagt  Maeshall,  „lehrt  uns  wohl,  daß  dieses
oder  jenes  Ereignis  auf  dieses  oder  jenes  andere  Ereignis  gefolgt
ist  oder  mit  ihm  gleichzeitig  geschah.  Sie  kann  uns  aber  nicht  sagen,
ob  dieses  erste  die  Ursache  jenes  zweiten  gewesen  ist“ 1 ).  Gibt
es  ein  einziges  großes  historisches  Ereignis,  dessen  Ursachen  nicht
noch  beständig  diskutiert  werden?  Noch  lange  wird  man  über  die
wirklichen  Ursachen  der  ßeformation  oder  der  Revolution  streiten,
über  die  relative  Bedeutung  der  wirtschaftlichen,  politischen  oder
Moralischen  Einflüsse,  die  diesen  großen  Geschehnissen  zugrunde  lagen
oder  sie  begleiteten,  oder  über  die  Einflüsse,  die  auf  die  geschlossene
Hauswirtschaft  die  Geld  Wirtschaft,  und  auf  diese  wieder  die  Kreditwirtschaft ­
  folgen  ließen.  Damit  die  erzählende  Geschichte  sich  in
erklärende  Geschichte  umwandeln  könne,  muß  sie  vorher  sehr  verschiedene ­
  Gesetze  durch  eine  Reihe  von  Sonderwissenschaften  als  bewiesen ­
  annehmen  können,  deren  Zusammentreffen  zu  den  konkreten
Tatsachen  der  Wirklichkeit  führte 2 ).  Dann  aber  ist  es  nicht  mehr  die
Geschichte,  sondern  es  sind  diese  Wissenschaften,  die  die  wirkliche
Erklärung  geliefert  haben.  Die  Naturgeschichte  hatte  die  Aufein-')
  Maeshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  IV,  §  3.  Wagner  sagt:  „Die  Geschichte ­
  kann  wohl  das  Bestehen  causaler  und  conditionaler  Beziehungen  feststellen  .  .  .
sie  kann  sie  aber  nicht  immer  nachweisen“  (op.  oit.  §  83).
2 )  Zwar  kann  die  Geschichte  erklärend  werden,  aber  in  einem  ganz  besonderen
Sinne:  nicht  indem  sie  die  allgemeinen  Gesetze  der  Tatsachen  entdeckt,  sondern
indem  sie  nachweist,  gerade  welches  besondere  Zusammentreffen  von  Tatsachen ­
  (deren  allgemeine  Gesetze  als  bekannt  angenommen  werden)  irgendein  bestimmtes, ­
  ebenfalls  besonderes  Ereignis  hervorgerufen  hat.  Die  wirklichen  Historiker
wissen  aber  sehr  wohl,  daß  derartige  Erklärungen  stets  einen  äußerst  subjektiven
und  persönlichen  Charakter  tragen.  Als  neuzeitliche  Untersuchung  dieser  Ideen  durch
einen  Historiker  verweise  ich  auf  die  prächtige  und  tiefbegründete  Einführung,  die  der
Geschichtsforscher  E.  Meyer  der  2.  Ausgabe  seiner  Geschichte  des  Altertums
voransgesehickt  hat.  (Berlin,  1907,  vgl.  auch  Simiand,  op.  cit.,  S.  14,  16.)
            
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