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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Geiste innewohnt und das darin besteht, die Wirklichkeit zu ver
einfachen, um sie besser zu verstehen 1 ).
Kapitel II.
Der Staatssozialismus.
Das neunzehnte Jahrhundert begann im Mißtrauen gegen die
Regierung und im Enthusiasmus aller Schriftsteller für die wirtschaft
liche Freiheit und die individuelle Initiative. Es endigte inmitten
beständiger Rufe nach der Einmischung des Staates in die wirtschaft
liche und soziale Organisation. In allen Ländern ist die Anzahl der
Schriftsteller und Volkswirtschaftler, die eine Ausdehnung der öko
nomischen Funktionen des Staates befürworteten, stetig gewachsen
und bildet heute sicherlich die Mehrheit. Dieser Meinungsumschwung
ist einigen Schriftstellern so bedeutend erschienen, daß sie darin eine
wirklich neue Doktrin gesehen haben, der sie in den verschiedenen
Ländern verschiedene Namen, wie „Staatssozialismus“ oder „Katheder-
sozialismuS“ in Deutschland, „Interventionismus“ in Frankreich ge
geben haben.
In Wirklichkeit haben wir es hier nicht mit einem ökonomischen
System eigentlichen Sinnes zu tun, sondern mit einer Auffassung
der praktischen Politik, zu der man von den verschiedensten theo
retischen Gesichtspunkten aus gelangen kann. Die Frage nach den
') Die Geschichte der Statistik hat in diesem Buche keinen Platz. Doch ist
diese Wissenschaft, obgleich sie unabhängig von der Volkswirtschaft besteht, eine:
so wertvolle Hilfe, daß ihre Fortschritte in gewisser Weise parallel verlaufen. Seit
etwa 20 Jahren haben sich nun die Methoden der Auslegung der Statistik (wir
sprechen hier nicht von ihren Beobachtungsmethoden) außerordentlich vervoll
kommnet. Die logischen Probleme, zu denen sie Anlaß geben, sind mit großem
Scharfsinn untersucht worden, und die Anwendung der Mathematik auf diese Fragen
hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Die Theorien der Assoziation und der
Korrelation, die über Beobachtungsfehler usw., gehören zu denen, deren Kenntnis
ein Student der sozialen Wissenschaften nur schwer entbehren kann. Ihre Geschichte
(in der eine große Anzahl von Namen, von Qubtelet bis K. Pbarson, aufzuzählen
wären) würde es vielleicht verdienen, in einem Kapitel über die Geschichte der
Methoden ausgeführt zu werden, wenn man damit nicht Gefahr liefe, auf diese'
Weise eine ganze Abhandlung über Statistik einzuschmuggeln. Wir begnügen
uns daher, den Leser auf das Buch von G. Udny Yulb, An iutroduction
to the theory of statistics (London, 1911) hinzuweisen. Er führt wohl zur
zeit am besten in die Diskussionen über die Methoden der Sozialwissenschaft ein
und gibt eine unentbehrliche Ergänzung zu dem Studium der im vorliegenden
Kapitel untersuchten Probleme.