470
Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
anpaßt, und daß die Kapitalien wie durch ein natürliches Gefälle den
ertragreichsten Anlagen znfließen.
Aber schon nach Malthos und Ricaedo, nach den Theorien der
Bodenrente und der Bevölkerung, ist das Prinzip der natürlichen
Identität der Interessen stark erschüttert, obgleich diese beiden
Schriftsteller noch durchaus an der Freiheit festhalten.
Da greift Sismondi ein. Er beschreibt uns die Übel der Konkurrenz,
unter der mit Notwendigkeit die soziale Ungleichheit der
Kontrahenten den Schwächeren dem Willen des Stärkeren unterwirft,
und sein ganzes Buch ist eine einzige Widerlegung des Vorsehnngsoptimismns
Smith’s.
In Deutschland hatte der Volkswirtschaftler Hermann, der die
Ausarbeitung der klassischen Theorien in glänzender Weise fortsetzte,
nachgewiesen, daß das persönliche Interesse oft entweder im Gegensatz
zu dem öffentlichen Interesse steht, oder zu schwach ist, es zu verwirklichen.
Er erklärte schon 1832, daß man die Behauptung der
meisten Volkswirtschaftler seit Adam Smith nicht unterschreiben
könne, nach der die von persönlichen Interessen getriebene Tätigkeit
der Individuen für alle Notwendigkeiten der Volkswirtschaft genüge r ),
und daß mau auch dem Gemeinsinn einen Platz einräumen müsse.
Dann steht List auf, der seine ganze Beweisführung stützt auf
den Gegensatz zwischen den augenblicklichen Interessen, die die
einzige Richtschnur der Individuen sind, und den beständigen und
dauernden Interessen der Nation, die nur von einer Regierung vertreten
werden können.
Einige Jahre später diskutiert Stuabt Mill nicht einmal mehr
in dem berühmten fünften Buch seiner Prinzipien der Volkswirtschaft
die These der natürlichen Übereinstimmung der Interessen,
so wenig haltbar erschien sie ihm. Um im Prinzip die Einmischung
der Regierung auszuschalten, läßt er nur ein einziges
wirtschaftliches Argument gelten: die Überlegenheit, die den Individuen
der Beweggrund des persönlichen Interesses gibt. Er beeilt sich aber
nachzuweisen, wie vielen Beschränkungen dieses Prinzip unterliegt:
natürliche Unfähigkeit der Kinder und der Schwachsinnigen, die Unkenntnis
seiner wirklichen Interessen auf Seiten des Verbrauchers, die
häufige Unmöglichkeit, auch für die, die sie kennen, dieses Interesse
ohne die Hilfe der Gesellschaft zu verwirklichen (z. B. in der Frage
der Dauer der Arbeitszeit für die Arbeiter). Mill weist auch darauf
hin, wie oft in unserer modernen industriellen Organisation dieser
Beweggrund nicht vorhanden ist: in Aktiengesellschaften, in denen
die Aktionäre nicht ohne das Zwischenglied eines bezahlten Vertreters
l ) Hermann, Staatswissenschaftliche Untersuchungen, 1. Ausgabe,
S. 12—18