Kapitel II. Der Staatssozialismus.
487
an. Für ihn ist es sicher, daß der proportionale Anteil des Arbeiters
am Produkt zugunsten der beiden anderen sinkt*).
In Übereinstimmung mit seinen theoretischen Gewohnheiten ge
nügt ihm eine einfache logische Deduktion, um .dies nachzuweisen.
Die Höhe des Lohnes — das hat er soeben anerkannt — wird durch
den Stand des Angebotes und der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkte/
bestimmt. Aber der Marktpreis der Arbeit, wie der der Produkte,
strebt nach einem Normalwert hin, und dieser Wert ist nichts anderes,
als der notwendige Lohn Ricaedo’s. „Der Anteil der Produzenten
am Produkt richtet sich zuletzt und im allgemeinen nicht nach dem
Ergebnis ihrer Produktion, sondern nach dem Produktquantum, das
hinreicht, um ihnen die Kräfte für Weiterarbeit und die Mittel zur
Aufzucht neuer Arbeiter zu geben 2 ).“ Es ist dies das berühmte
Eherne Lohngesetz, aus dem Lassalle einige Jahre später den
Grundstein seiner Propaganda macht, das aber im Gegenteil Marx
niemals formell angenommen hat.
Wenn man dieses Gesetz einmal anerkannt hat, so genügt es, zu
konstatieren, daß die Produktivität der Arbeit täglich wächst, und
daß sich daher die Menge der Produkte regelmäßig vermehrt, um
dann ganz arithmetisch zu dem Schluß zu kommen, daß, da die ab
solute Menge, die von den Arbeitern ständig von dieser wachsenden
Menge genommen wird, stets dieselbe bleibt, dies mit Notwendigkeit
einen stets geringeren Yerhältnisanteil darstellt, im Maßstabe,
wie die ganze Menge sich vermehrt.
Gleichzeitig erhalten wir so die Erklärung der Krisen. Im Be
mühen, sich auf der Höhe zu halten, sagt Rodbertus, vermehren die
Unternehmer beständig ihre Produktivität, und zwar innerhalb der
Grenze der Anteile des sozialen Produktes, die jeder Klasse zu
kommen, weil diese Anteile die Ausdehnung der Nachfrage bestimmen 8 ).
Während nun die Produktion größer wird, verringert sich der Anteil
’) „Wenn der Verkehr in bezug auf die Verteilung des Nationalprodnktes sich
selbst überlassen bleibt, bewirken gewisse mit der Entwicklung der Gesellschaft ver
bundene Verhältnisse, daß bei steigender Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit
der Lohn der arbeitenden Klassen ein immer kleinerer Teil des Nationalproduktes
wird.“ 2. sozialer Brief (Schriften, Bd. II, S. 37.)
2 ) Kapital, S. 184.
s ) Diese Auffassung, daß die Unternehmer ihre Produktion auf die Größe der
sozialen Anteile basieren, ist befremdend. Trotzdem hat ihr Eodeertus in eigenen
Worten Ausdruck gegeben: „Sie (die Klassen) gelten nur nach der Größe ihres Anteils am
Nationalprodukt auf dem Markt. . . . Der Größe dieser Anteile gemäß müssen die
Unternehmer den Umfang der einzelnen Produktionen einzuriohten suchen.“ Kapital
S. 52—53. Vgl. auch S. 206.) — Es ist jedoch klar, daß die Unternehmer ihre
Produktion einzig auf die Nachfrage nach den Gegenständen gründen, die sie im
besonderen fabrizieren, und höchst gleichgültig gegenüber den Anteilen sind, die die
sozialen Klassen aus dem Gesamtprodukt zu erhalten haben.