Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

489

Sachen  scheinen  es  wahrscheinlich  zu  machen,  daß  in  gewissen  Ländern
der  proportionale  Anteil  der  Arbeit  am  Produkt  seit  dem  Beginn  des
Jahrhunderts  eher  geringer  geworden  ist.
Nur  ergibt  sich  hieraus  keineswegs,  daß  die  Lage  der  Arbeiter
sich  nicht  verbessert  habe;  denn  diese  Verminderung  des  Arbeitsauteils ­
  im  allgemeinen  hat  nicht  die  Erhöhung  des  individuellen ­
  Lohnes  verhindert.  Alles,  was  man  daraus  schließen  kann,
ist,  daß  die  Einkommen  aus  Arbeit  nicht  ebenso  schnell  gewachsen ­
  sind,  wie  die  aus  dem  Kapital 1 );  das  hat  aber  die  Arbeiter
nicht  gehindert,  am  Fortschritt  teilzunehmen.
Was  sind  nun  die  praktischen  Schlußfolgerungen,  die  Rodbeetus
aus  seiner  Theorie  zieht?  Logisch  würde  folgen,  wie  man  auf  den
ersten  Blick  sieht;  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und  der
individuellen  Produktion.  Sobald  die  Gemeinschaft  alleinige  Eigentümerin ­
  der  Produktionsmittel  geworden  ist,  verschwindet  das  Einkommen ­
  ohne  Arbeit;  jeder  ist  gezwungen,  zur  Produktion  beizutragen,
und  jeder  nimmt  am  Verbrauch  im  Verhältnis  zu  seiner  Arbeit  teil;
die  Dauer  der  Arbeit  und  ihre  Intensität  bestimmen  den  Wert  der
Gegenstände,  und  da  die  Anpassung  des  Angebotes  au  das  soziale  Bedürfnis ­
  (weiter  oben  haben  wir  das  „wie“  gesehen)  beständig  gesichert ­
  sein  würde,  so  bleibt  dieser  Maßstab  beständig  genau  und
richtig,  und  die  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  ist  verwirklicht.
Vor  dieser  Lösung  schrickt  Rodbeetus  aber  zurück,  und  so  verwandelt ­
  sich  unser  Sozialist  in  einen  einfachen  Staatssozialisten.  Das,
was  ihn  erschreckt,  ist  nicht  die  ungeheuerliche  Tyrannei  eines  solchen

] )  Wir  haben  oben  gesehen  (S.  B87,  Anm.  1  u.  2),  daß  dies  der  Schluß  ist,  zu  dem
Couson  (Cours,  Bd.  III,  S.  366)  kommt  Ebenso  ist  es  das  Ergebnis  der  Untersuchungen ­
  Chatelain’s  über  den  Census  der  Vereinigten  Staaten.  Nach  ihm
(Questions  pratiques  de  Legislation  ouvriere,  Juni-Juli  1908)  ist  in  der
amerikanischen  Metallurgie  von  1890  bis  1905  der  Anteil  des  Arbeiters  am  Gesamtprodukt ­
  von  71  Hundertstel  auf  68  Hundertstel  gefallen,  während  der  des  Kapitals
von  28  Hundertstel  auf  32  Hundertstel  gestiegen  ist.  Trotzdem  ist  der  jährliche
Lohn  des  Arbeiters  von  551  auf  626  Dollar  gestiegen,  und  der  Profitsatz  ist  von  9  %
auf8°/ 0  gefallen.  —  Wir  wollen  noch  hinzufügen,  daß  trotz  dieser  Verminderung  des
Anteils  der  Arbeit  man  hieraus  nichts  hinsichtlich  der  Erhöhung  oder  Verringerung ­
  des  Einkommens  der  Arbeiterklasse  im  allgemeinen  schließen
kann.  Ein  Teil  der  Arbeiter  besitzt  ein  kleines  Kapital.  Zwar  ist  es  heute
noch  äußerst  klein,  doch  nichts  steht  dem  Glauben  entgegen,  daß  es  in  Zukunft
größer  werden  wird.
Man  sieht,  wie  kompliziert  diese  Erage  ist,  und  welche  Genauigkeit  sie  erfordert.
Man  muß  in  ihr  wenigstens  drei  Begriffe  unterscheiden:  den  des  individuellen
Lohnes,  den  des  Anteils  der  Arbeit  am  Produkt,  und  den  des  Einkorn  mens
der  Arbeiterklasse.  Vgl.  über  diese  Frage  die  Ideen  Edwin  Cannan’s  im
Quarterly  Journal  of  Economics,  1905,  und  was  er  darüber  in  seinem  Buch
Production  and  Distribution,  1776—1848,  sagt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.