Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Der Staatssozialismus. 
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Sachen scheinen es wahrscheinlich zu machen, daß in gewissen Ländern 
der proportionale Anteil der Arbeit am Produkt seit dem Beginn des 
Jahrhunderts eher geringer geworden ist. 
Nur ergibt sich hieraus keineswegs, daß die Lage der Arbeiter 
sich nicht verbessert habe; denn diese Verminderung des Arbeits 
auteils im allgemeinen hat nicht die Erhöhung des indivi 
duellen Lohnes verhindert. Alles, was man daraus schließen kann, 
ist, daß die Einkommen aus Arbeit nicht ebenso schnell ge 
wachsen sind, wie die aus dem Kapital 1 ); das hat aber die Arbeiter 
nicht gehindert, am Fortschritt teilzunehmen. 
Was sind nun die praktischen Schlußfolgerungen, die Rodbeetus 
aus seiner Theorie zieht? Logisch würde folgen, wie man auf den 
ersten Blick sieht; die Abschaffung des Privateigentums und der 
individuellen Produktion. Sobald die Gemeinschaft alleinige Eigen 
tümerin der Produktionsmittel geworden ist, verschwindet das Ein 
kommen ohne Arbeit; jeder ist gezwungen, zur Produktion beizutragen, 
und jeder nimmt am Verbrauch im Verhältnis zu seiner Arbeit teil; 
die Dauer der Arbeit und ihre Intensität bestimmen den Wert der 
Gegenstände, und da die Anpassung des Angebotes au das soziale Be 
dürfnis (weiter oben haben wir das „wie“ gesehen) beständig ge 
sichert sein würde, so bleibt dieser Maßstab beständig genau und 
richtig, und die Gerechtigkeit in der Verteilung ist verwirklicht. 
Vor dieser Lösung schrickt Rodbeetus aber zurück, und so ver 
wandelt sich unser Sozialist in einen einfachen Staatssozialisten. Das, 
was ihn erschreckt, ist nicht die ungeheuerliche Tyrannei eines solchen 
] ) Wir haben oben gesehen (S. B87, Anm. 1 u. 2), daß dies der Schluß ist, zu dem 
Couson (Cours, Bd. III, S. 366) kommt Ebenso ist es das Ergebnis der Unter 
suchungen Chatelain’s über den Census der Vereinigten Staaten. Nach ihm 
(Questions pratiques de Legislation ouvriere, Juni-Juli 1908) ist in der 
amerikanischen Metallurgie von 1890 bis 1905 der Anteil des Arbeiters am Gesamt 
produkt von 71 Hundertstel auf 68 Hundertstel gefallen, während der des Kapitals 
von 28 Hundertstel auf 32 Hundertstel gestiegen ist. Trotzdem ist der jährliche 
Lohn des Arbeiters von 551 auf 626 Dollar gestiegen, und der Profitsatz ist von 9 % 
auf8°/ 0 gefallen. — Wir wollen noch hinzufügen, daß trotz dieser Verminderung des 
Anteils der Arbeit man hieraus nichts hinsichtlich der Erhöhung oder Ver 
ringerung des Einkommens der Arbeiterklasse im allgemeinen schließen 
kann. Ein Teil der Arbeiter besitzt ein kleines Kapital. Zwar ist es heute 
noch äußerst klein, doch nichts steht dem Glauben entgegen, daß es in Zukunft 
größer werden wird. 
Man sieht, wie kompliziert diese Erage ist, und welche Genauigkeit sie erfordert. 
Man muß in ihr wenigstens drei Begriffe unterscheiden: den des individuellen 
Lohnes, den des Anteils der Arbeit am Produkt, und den des Einkorn mens 
der Arbeiterklasse. Vgl. über diese Frage die Ideen Edwin Cannan’s im 
Quarterly Journal of Economics, 1905, und was er darüber in seinem Buch 
Production and Distribution, 1776—1848, sagt.
	        
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