Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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er sich davon macht. Daher fällt ihm der Nachweis nicht schwer,
daß diese idealen Funktionen sich heute noch nicht vollziehen.
Es ist sicher, daß die Produktion noch nicht auf dem „sozialen Be
dürfnis“ beruht, und daß die Güter sich nicht im Verhältnis zur ge
leisteten Arbeit verteilen. Wir haben aber auch gesehen, daß das
„soziale Bedürfnis“, so wie es Eoubeetus auffaßt, ein durchaus un
bestimmter Begriff ist. Die logische Anwendung der Verteilungsformel,
die er aufstellt, „jedem das Produkt seiner Arbeit“, stößt auf Un
möglichkeiten, und die Sozialisten geben selbst zu, daß es weder die
Ansprüche der Menschheit noch die der Produktion befriedigen
würde. Damit die Beweisführung Eodbeetxjs’ überzeugend wirken
könnte, dürfte seine Definition der sozialen Funktionen nicht schon
an und für sich so große Schwierigkeiten verursachen.
Geben wir ihm aber immerhin zu, daß die Existenz einer Gesell
schaft den guten Ablauf gewisser Funktionen bedingt, deren De
finition hier ohne Bedeutung ist. Dann bleibt immer noch die Frage
offen, und in ihr liegt die schwerstwiegende Kritik: ob die Kontrolle
und die Voraussicht der Menschen sich nicht in einer anderen Weise,
als durch die Einmischung des Staates, betätigen können ? Für Eon-
bebtds gibt es nur eine Alternative: entweder absoluter Individualis
mus oder alleinige Leitung durch den Staat. Aber weder die Natur
noch die Geschichte lassen sich in einem derartigen Dilemma fangen.
Sein Vergleich der Gesellschaft mit einem biologischen Organismus hat
nur den Wert eines einfachen Gleichnisses, das heute fast allgemein
verworfen wird. Ihm erscheinen der wirtschaftliche Individualismus
und die persönliche Freiheit als untrennbar. Er teilt eine Illusion,
die zu jener Zeit fast allen Volkswirtschaftlern gemeinsam war. Es
schien damals unmöglich, über den Individualismus zu triumphieren,
ohne die Freiheit zu . zerstören. Wir wissen aber heute, daß diese
Ideenverbindung, wie viele andere ähnliche, nicht ewig ist. Unser
heutiges wirtschaftliches Leben, das zwischen dem Individuum und
dem Staat eine immer größere Vielfältigkeit freier wirtschaftlicher
Genossenschaften emporkommen sieht, beweist seine Unhaltbarkeit
mit jedem Tage mehr.
Es ist jetzt leicht, das aufzuzeigen, was in der Lehre Eod-
bertus’ so ausgesprochen konservative Köpfe wie die modernen Staats
sozialisten anziehen konnte, die doch von dem Streben beseelt sind,
mehr Gerechtigkeit in unser wirtschaftliches Leben zu bringen. Es
ist dies zunächst die von Eoubbexus selbst verwirklichte Trennung
der Politik von dem wirtschaftlichen Sozialismus und seine Abneigung
gegen jede Eevolution. An zweiter Stelle steht seine „organische“
Auffassung der Gesellschaft, die seinen ganzen Gedankengang durch
dringt. Der Staatssozialismus nimmt mit ihm an, daß die Produktion