Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

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größte  Aufsehen,  und  leuchten  die  Flammen  seiner  zündenden  Propaganda ­
  für  den  „Allgemeinen  Deutschen  Arbeiterverein“,  den  er  1863
in  Leipzig  gegründet  hatte,  weit  über  die  Grenzen  der  verschiedenen
deutschen  Staaten.  Während  ihn  die  Arbeiter  am  Rhein  wie  einen
Triumphator  mit  Gesängen  und  Blumenguirlanden  empfangen,  bekämpfen ­
  die  liberalen  Zeitungen  rücksichtslos  den  Agitator,  der  die
seit  1848  unterbrochene  demokratische  und  soziale  Propaganda
wieder  aufgenommen  hatte,  und  beschuldigen  ihn  sogar,  durch  seine
unerwarteten  Angriffe  vollständig  aus  dem  Gleichgewicht  gebracht,
im  Geheimen  mit  der  Regierung  zu  paktieren.  Und  dann,  mit  einem
Schlage,  ist  all  dieser  große  Lärm  verhallt!  Am  31.  August  1864
stirbt  Lassalle  an  den  Folgen  eines  Duells  *)  und  von  seiner  ganzen
Arbeit  bleibt  nur  der  „Deutsche  Arbeiterverein“  übrig,  der  Embryo
der  großen  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands,  und  die  Erinnerung ­
  an  seine  ätzenden  Angriffe  gegen  den  individualistischen
Liberalismus.
Als  Theoretiker  ist  Lassalle  ein  Sozialist,  dessen  Grundauffassungen ­
  sich  kaum  von  denen  Maex’  unterscheiden.  Die  ganze
geschichtliche  Entwicklung  besteht  für  ihn  in  einer  immer  wachsenden ­
  Beschränkung  der  Rechte  des  Eigentums 2 ),  einer  Beschränkung,
die  in  hundert  oder  zweihundert  Jahren  zu  seinem  vollständigen
Verschwinden  führen  muß  3 ).  Lassalle  ist  aber  in  erster  Linie  ein
Mann  der  Tat;  er  dürstet  nach  praktischen  Erfolgen.  In  diesem
Augenblick  beginnt  nun  gerade  die  deutsche  Arbeiterschaft  zu  politischem ­
  Leben  zu  erwachen.  Noch  ist  sie  unsicher  über  den  Weg,
den  sie  einschlagen  soll.  1863  suchen  einige  Arbeiter,  ihre  Kameraden ­
  in  einem  Kongreß  zu  vereinigen.  Sie  wenden  sich  an  Lassalle,
wie  an  andere  bekannte  Demokraten,  um  seine  Meinung  über  die
Arbeiterfrage  zu  hören  und  geben  ihm  so  die  gewünschte  Gelegenheit, ­
  sich  eine  Partei  zu  schaffen  und  ihr  Führer  zu  werden.  Welches
Programm  aber  soll  gewählt  werden?  Die  Arbeiter  brauchen,  sagt
Lassalle,  „etwas  Genaues,  Faßbares“  4 ).  Auf  der  anderen  Seite  „darf
man  das  dem  Mob  freilich  heute  noch  nicht  sagen“ 5 ),  darf  ihm  die
letzten  Ziele  einer  derartigen  Agitation  nicht  enthüllen.  Ohne  daher

‘)  Der  große  englische  Schriftsteller  G.  Mehedith  hat  dieses  tragische  Abenteuer
zum  Gegenstand  eines  Romans  gemacht,  in  dem  die  Psychologie  Lassallb’s  bewundernswürdig ­
  dargestellt  wird:  The  tragic  comedians.  Vgl.  auch  Lassallb
von  Georg  Brandes  und  oben,  S.  474,  Anm.
2 )  System  der  erworbenen  Rechte,  1.  Teil;  die  Theorie  der  erworbenen
Rechte  und  die  Kollision  der  Gesetze,  Lpg.  1861,  8.  259,  Anm.
3 )  Briefe  Lassalle’s  an  Rodeeetüs,  Berlin  1878,  S.  46.
*)  Ebd.  S.  44.
5 )  Ebd.  S.  46.
            
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