Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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andere. Der größte Teil ihrer Argumente besteht einfach darin, zu
gunsten der Regierung ein Vorurteil zu schatfen, demjenigen gerade
entgegengesetzt, das der Individualismus nach und nach verbreitet
hatte. Hierin liegt die eigentliche Aufgabe, die er sich gestellt hat.
Zu diesem Zweck wird zunächst auf die Schwäche der einzelnen
ökonomischen Person hingewiesen. Man wiederholt nochmals, wie es
schon Sismondi und die Sozialisten getan haben, die sozialen Ünzu-
träglichkeiten der freien Konkurrenz, die übrigens fast stets mit der
wirtschaftlichen Freiheit verwechselt wird 1 ). Man hebt, gleich ihnen,
die schon von A. Smith bemerkte soziale Ungleichheit der Kapitalisten
und Arbeiter in ihren Verhandlungen über den Arbeitsvertrag hervor,
wie auch den allgemeinen Gegensatz zwischen „Schwachen“ und
„Starken“. Weiterhin kennzeichnet man die Unfähigkeit der Einzel
personen, gewisse große Kollektivinteressen zu befriedigen.
In Frankreich hatte schon 1856 Dupont-White mit noch größerer
Schärfe gezeigt, „wie alle Wege der Zivilisation von demselben ewig
sich wiederholenden Hindernis starren: dem Individuum mit seiner
Unfähigkeit und Böswilligkeit“ 2 ). Auch hatte er nachgewiesen, wie
die Kollektivinteressen in unseren immer komplizierter werdenden
Gemeinwesen: „eine Größe und Ausdehnung erlangen, die sie immer
mehr dem Bereich des Individuums entziehen“ 3 ). „Es gibt“, sagte
er, in einer Formel, die ausgezeichnet die notwendigen Fälle einer
Intervention zusammenfaßt, „in jeder Gesellschaft Angelegenheiten
von vitaler Bedeutung, die das Individuum niemals tun wird, ent
weder, weil sie seine Kraft übersteigen, oder weil sie ihm
keinen entsprechenden Gegenwert bieten, oder aber,
weil sie nur unter Beihilfe aller zustande kommen
können, dieman aber nicht durch freundlichesZureden
erhalten kann. Für alle diese Dinge ist der Staat der gegebene
Unternehmer, die berufene Triebkraft“ 4 ).
Wie wir wisren, hat man aber in Frankreich nicht auf ihn
gehört.
In gleicher Weise beruft sich Adolf Wagner zugunsten des
Staates auf die ganze Geschichte; er beschreibt uns seine je nach den
Zeitumständen verschiedenen wesentlichen Funktionen, so daß man
wohl dazu gelangen muß, ihm keine definitiven Grenzen stecken zu
können. Das individuelle Interesse, die barmherzige Hilfstätigkeit
4 ) Wagner, Grundlegung. Die Staatssozialisten gebrauchen stets, und sehr
zu Unrecht, die beiden Ausdrücke: „freie Konkurrenz“ und „Wirtschaftsfreiheit“
als synonym.
2 ) Ddpont-White, L’Individu et l’Etat, 5. Ausg. S. 9.
s ) Ebenda, S. 267.
4 ) Vorwort zu Essay on Liberty v. Stuart Mild (1860) S. LXX.