Kapitel II. Der Staatssozialismus.
511
So hat durch eine vielleicht merkwürdige, aber in der Geschichte
der Ideen nicht unerhörte Wandlung der Staatssozialismus zu Ende
des 19. Jahrhunderts dieselbe Rolle gespielt, die sein großer Gegner,
der liberale Optimismus, während der ersten Hälfte innegehabt hatte.
Dessen großes Verdienst war es gewesen, einer Politik der fortschreiten
den Selbständigkeit und Freiheit die Wege zu bereiten, einer Politik,
die für den Fortschritt der großen Industrie unentbehrlich war. So
wurde der liberale Optimismus der Dolmetscher der großen wirt
schaftlichen Strömungen seiner Zeit. Im Dienste dieser ausschließ
lichen Aufgabe hatte er allmählich alle wissenschaftliche Selbständig
keit und die Ausgestaltung der ökonomischen Theorie vernachlässigt,
namentlich in Bezug auf die für jedes Gedankensystem unerläßliche
Schärfe der Beweisführung.
Auf dieselbe Weise hat der Staatssozialismus allen denen als Banner
gedient, die die Notwendigkeit begriffen, die sozialen Übelstände der
bis zu ihren letzten Grenzen getriebenen wirtschaftlichen Freiheit
einzuschränken, allen denen, die mit Recht die elende Lage einer immer
zahlreicheren Arbeiterklasse mit Sorge erfüllte. Ausschließlich mit
diesen sofortigen Zielen beschäftigt, haben die Begründer des Staats
sozialismus hauptsächlich die Prinzipien der praktischen Volkswirt-
schaftspolitik bearbeitet, ohne die eigentliche wirtschaftliche Wissen
schaft besonders zu fördern. ... Jetzt sehen sie sich übrigens ihrer
seits bedroht. Das allen politischen Lehren gemeinsame Los erwartet
den Staatssozialismus. Und schon jetzt kann man sich fragen, ob nicht
gerade die Vielfältigkeit der Regierungseinmischungen im Begriff
ist, bei den Verbrauchern, wie bei den Unternehmern, und sogar bei
den Arbeitern, ein immer wachsendes Mißtrauen mit Hinsicht auf die
wirtschaftlichen Fähigkeiten des Staates zu erregen.
Auf jeden Fall kann man eine recht charakteristische Tatsache
bemerken. Während im 19. Jahrhundert der Sozialismus alle seine
Angriffe gegen den Liberalismus und die wirtschaftliche Orthodoxie
richtete, — greift im Gegenteil der neo-marxistische Syndikalismus fast
ausschließlich die Staatssozialisten an. Sorel hat auf die engen gedank
lichen Bande hingewiesen, die den Marxismus mit dem Manchestertum
verbinden. Er stimmt sogar in mehr als einem Punkte mit einem
„Liberisten“ wie Paeeto überein; dagegen findet er keine Ausdrücke,
die ihm kräftig genug erscheinen, um die Vertreter des „sozialen
Friedens“ und des Interventionismus zu bekämpfen, die ihm als die
Verführer der Arbeiterklasse erscheinen. Zur gleichen Zeit haben die
Gewerkschaftler — wenigstens viele unter ihnen — mehr als einmal
ihr Mißtrauen gegen den Staat kundgegeben und energisch Gesetzes
vorschläge zurückgewiesen, die in ihrem Interesse eingebracht waren,
wie zum Beispiel das Gesetz über Arbeiterpensionen. Wahrscheinlich