Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

518  Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Hiermit  kommen  wir  nun  zu  dem  Kernpunkt  der  Beweisführung-,
Hierin  „liegt  das  Geheimnis  der  kapitalistischen  Produktion  enthüllt“.
Man  beachte:  der  durch  die  Arbeit  erzeugte  Wert  ist  der,  den  der
Kapitalist  durch  den  Verkauf  der  Erzeugnisse  einstreicht,  und  der
yon  der  Arbeit  verbrauchte  Wert  ist  der,  den  der  Arbeiter  als  Lohn
empfängt.  Daraus  folgt  notwendigerweise,  daß  der  ganze  Unterschied ­
  zwischen  diesen  beiden  Werten  in  den  Händen  des  Kapitalisten
zurückbleibt.  Während  der  Kapitalist  das  Erzeugnis  für  10  Arbeitsstunden ­
  verkauft,  gibt  er  den  Arbeitern  nur  den  Gegenwert  von
5  Arbeitsstunden  und  streicht  den  Überschuß  ein.  Diesem  Überschuß
gibt  Marx  den  berühmt  gewordenen  Namen  Mehrwert 1 ).
Hieraus  folgt,  daß  der  Kapitalist  10  Arbeitsstunden  des  Arbeiters
einsteckt  und  ihm  nur  5  auszahlt 2 ).  Mit  anderen  Worten,  der  Arbeiter ­
  liefert  dem  Kapitalisten  5  Stunden  unbezahlte  Arbeit.
Während  der  5  ersten  Stunden  erzeugt  er  den  Gegenwert  seines
Lohnes,  von  der  sechsten  Stunde  an  aber  arbeitet  er  umsonst.  Diesen
Überschuß  nicht  bezahlter  Arbeitsstunden,  die  den  Mehrwert  erzeugen,
nennt  Marx  die  Mehrarbeit:  er  will  damit  eine  überpflichtige
Arbeit  bezeichnen,  von  der  der  Arbeiter  keinen  Nutzen  irgendwelcher
Art  hat,  eine  für  ihn  nutzlose  Mehrbelastung,  die  nur  dazu  dient,  den
Kapitalisten  zu  bereichern.
Natürlicherweise  liegt  es  im  Interesse  des  Kapitalisten,  soviel
wie  möglich  den  Mehrwert,  der  seinen  Profit  darstellt,  zu  vermehren.
Dies  gelingt  ihm  durch  eine  Heihe  von  Handlungen,  deren  Analyse
einen  der  merkwürdigsten  Teile  der  marxistischen  Lehre  darstellt,  die
man  aber  unter  zwei  Hauptpunkten  zusammenfassen  kann:
a)  die  Dauer  des  Arbeitstages  so  viel  wie  möglich  verlängern,
um  die  Anzahl  der  Mehrarbeitsstunden  zu  vermehren.  Wenn  zum
Beispiel  der  Arbeitgeber  den  Arbeitstag  auf  12  Stunden  bringen
könnte,  so  ist  sein  Mehrwert  7  Stunden  am  Tage  statt  5.  Das
Streben  aller  Fabrikanten  ging  nun  gerade  darauf  hin,  dies  zu  tun,
bis  zu  dem  erst  vor  kurzem  eingetretenen  Zeitpunkte,  an  dem  die
Gesetze  die  Dauer  des  Arbeitstages  (aber  nur  dort,  wo  sie  anwendbar
waren!)  beschränkten  und  so  die  erste  Quelle  des  Mehrwertes  zum
Versiegen  brachten;

0  Siehe  oben  (SS.  208-j—209)  was  hinsichtlich  Sismondi  nnd  seiner  Auffassung  des
Überwertes  gesagt  wird.
a )  Ist  es  nötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  diese  Proportion  der  Hälfte  für  den
Wert  der  Arbeitskraft,  was  10ܰ/ o  für  den  Mehrwert  verstellt,  hier  nur  wegen  der
Klarheit  der  Ausführung  angewendet  wird?  Und  doch  behaupten  einige  Marxisten,
wie  Jules  Guesdb,  daß  sie  mit  der  Wirklichkeit  übereinstimmt.  Wahrscheinlich
würde  Maex  in  seiner  Schätzung  zurückhaltender  gewesen  sein,  denn  er  führt  als
Stütze  seiner  These  die  Petitionen  der  englischen  Manufakturisten  an,  die  erklärten,
daß  nur  die  letzte  Stunde  der  Tagesarbeit  ihren  Gewinn  ausmaohe.
            
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