Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

dem  er  das,  was  ihm  zukommt,  erhält 1 ).  Der  Kapitalist  bestiehlt ­
  den  Arbeiter  nicht:  er  hat  die  Arbeitskraft  zu  ihrem  vollen
Werte  bezahlt,  worunter  ihr  wirklicher  Tauschwert  zu  verstehen  ist.
„Das  Kunststück  ist  endlich  gelungen  .  .  .  alle  Bedingungen  des
Problems  sind  gelöst  und  die  Gesetze  des  Warenaustausches  in  keiner
Weise  verletzt.  Äquivalent  wurde  gegen  Äquivalent  ausgetauscht.“  Da
die  kapitalistische  Ordnung  ein  gegebener  Zustand  ist,  wie  auch  der  freie
Arbeitsmarkt  und  das  Wertgesetz,  so  können  sich  die  Dinge  unmöglich
anders  vollziehen.  Vielleicht  ist  der  Arbeiter  von  dem  unerwarteten
Ergebnis  dieser  Operation  überrascht,  die  ihm  nur  die  Hälfte  des  Wertes
seines  Arbeitsertrages  läßt,  und  davon  ebenso  erstaunt,  wie  irgend  ein
Gaffer  von  den  Künsten  eines  Taschenspielers,  aber  er  kann  nichts  dagegen ­
  einwenden.  Alles  verläuft  ordnungsmäßig.  Sicherlich  weiß  der
Kapitalist  in  seiner  Schlauheit  sehr  gut,  daß  er,  indem  er  die  Arbeitskraft ­
  kauft,  ein  gutes  Geschäft  macht,  weil  sie  die  einzige  Ware,  das
einzige  Instrument  ist,  das  die  mysteriöse  Kraft  besitzt,  eine  Wertquelle
zu  sein  und  mehr  Wert  zu  erzeugen,  als  sie  in  sich  selbst  besitzt  -).  Der
Kapitalist  hat,  wie  Marx  sagt,  „den  Casus,  der  ihm  lachen  macht,  vorgesehen“ ­
  (Kapital,  IV.  Ausg.  S.  157;  Anm.  d.  Übers.).  Jedoch  „liegt
hierin  ein  besonders  günstiger  Zufall  für  den  Käufer,  der  in  nichts  die
Rechte  des  Verkäufers  verletzt“,  und  der  infolgedessen  dem  Arbeiter
keine  Möglichkeit  einer  Klage  auf  Schadenersatz  gibt,  und  zwar  nicht
nur  vom  rechtlichen,  sondern  auch  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt
aus,  —  ebenso  wenig  wie  einem  Bauer,  der  eine  Kuh  verkauft,  die,
ohne  daß  er  es  weiß,  trächtig  ist!
J )  „Unser  .  .  .  Kapitalist  muß  die  Waren  zu  ihrem  Wert  kaufen,  zu  ihrem
Wert  verkaufen,  und  dennoch  am  Ende  des  Prozesses  mehr  Wert  herausziehen,  als
er  hineinwarf  .  .  .  Dies  sind  die  Bedingungen  des  Problems.  Hic  Ehodus!  hic
salta!“  (Kapital,  S.  129  I.  Aufl.)
Vgl.  oben  (S.  244),  was  hinsichtlich  des  Saint-Simonismus  gesagt  worden  ist
und  über  die  verschiedenen  Phasen,  durch  die  diese  Idee  der  Ausbeutung  des
Lohnempfängers  gegangen  ist.
Obgleich  nach  der  marxistischen  Theorie  der  Kapitalist  den  Arbeiter  nicht  bestiehlt, ­
  obgleich  er  sich  nichts  vorzuwerfen  hat,  da  er  nur  von  einer  Gesamtheit
von  Umständen  profitiert,  die  er  selbst  nicht  ändern  kann,  so  hindert  das  doch  Marx
nicht,  ihn  mit  der  äußersten  Strenge  zu  behandeln  (was  von  seinem  Standpunkt  aus
recht  ungerechtfertigt  erscheint).  Nennt  er  das  Kapital  doch  „verstorbene  Arbeit,
die  sich  nur  vampirartig  durch  Einsaugung  lebendiger  Arbeit  belebt,  und  um  so  mehr  lebt,
je  mehr  sie  davon  einsaugt.“  (Kapital,  Bd.  I,  S.  194  IV.  Aull.)  Zwar  könnte  Marx
erwidern,  daß  auch  der  Vampir  sieh  nichts  vorzuwerfen  hat,  ebenso  wenig  wie  der
Kapitalist,  da  auch  er  nur  einer  seiner  Natur  innewohnenden  Notwendigkeit  gehorcht.
2 )  „Es  ist  also  eine  Naturgabe  der  sich  betätigenden  Arbeitskraft,  der  lebendigen
Arbeit,  Wert  zu  erhalten,  indem  sie  Wert  zusetzt  ...  die  Erhaltung  des  vorhandenen
Kapitalwerts“  (S.  173  I.  Aufl.)  „Der  Kapitalist  hat  durch  den  Kauf  der  Arbeitskraft
die  Arbeit  selbst  als  lebendigen  Gährungsstoff  den  toten  von  ihm  gleichfalls  besessenen ­
  Bildungselementen  des  Produktes  einverleibt“  (S.  150  I.  Aufl).
            
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