Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Der  Marxismus.

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Gewalt  als  durch  Anwendung  der  parlamentarischen  Machtmittel,  denn
diese  Masse  bildet  gerade  den  zur  Mehrheit  unentbehrlichen  Bestandteil, ­
  wenn  sie  nicht  schon  an  sich  die  Mehrheit  vorstellt:  und  wie
sollte  man  hoffen,  sie  um  ein  Programm  zu  scharen,  das  ihre  eigene
Expropriation  enthielt?
Daher  hat  man  einen  Unterschied  gemacht.  Die  Sozialisation  der
Produktionsmittel  wird  nur  auf  den  Großbesitz  und  die  Großindustrie
angewandt,  auf  diejenigen,  die  Lohnempfänger  beschäftigen;  der  kleine
Besitz  dessen,  der  von  seiner  Arbeit  lebt,  wird  aber  geschont.  Gegen
den  Vorwurf  der  Inkonsequenz  oder  des  Opportunismus  verteidigt  man
sich,  indem  man  sagt,  daß  man  sich  auf  diese  Weise  nur  dem  Gang
der  Entwicklung  anpasse.  Man  beginnt  mit  der  Expropriation  der
Industrien,  die  schon  zur  kapitalistischen  Lohnordnung,  zum  Stadium
des  Mehrwertes  gelangt  sind.
Diese  Schlußfolgerung  läßt  sich  in  der  Tat  rechtfertigen,  da  sie  sich
logisch  auf  den  Prämissen  auf  baut.  In  Wirklichkeit  ist  es  aber  nicht
so  leicht,  zu  wissen,  was  man  mit  diesem  individuellen  Kleinbesitz
tun  soll.  Wird  man  ihn  leben  und  sich  neben  dem  gesellschaftlichen
Eigentum  entwickeln  lassen?  Man  versteht  kaum,  wie  diese  beiden
Zustände  nebeneinander  und  miteinander  vermischt  bestehen  sollen,
und  wie  es  der  Einzelperson  frei  stehen  soll,  zwischen  ihnen  zu  wählen.
Daher  verhehlen  auch  die  Kollektivsten,  wenn  sie  unter  sich  sind,  nicht
den  Gedanken,  daß  es  sich  um  ein  nur  vorläufiges,  der  Ängstlichkeit  der
kleinen  Besitzer  gemachtes  Zugeständnis  handelt,  und  man  rechnet
darauf,  daß  sie  von  selbst  ihren  elenden  Besitz  aufgeben  werden,  um
an  den  Wohltaten  der  neuen  Ordnung  teilzunehmen  oder  aber,  daß  sie
mit  oder  ohne  ihren  Willen  durch  deren  wirtschaftliche  Überlegenheit
ausgeschieden  werden.  Da  diese  Aussichten  aber  nichts  besonders
Anziehendes  für  die  haben,  auf  die  sie  sich  beziehen,  läßt  man  sie
gern  im  Dunkeln.
Was  wird  nun  aus  dem  Klassenkampf  im  Neomarxismus?  —  Man
leugnet  ihn  nicht,  aber  er  wird  dadurch  sehr  abgeschwächt,  daß  man
ihn  nicht  mehr  als  einen  Kampf  auf  Tod  und  Leben  zwischen  den
beiden  Klassen  darstellt,  sondern  als  ein  recht  verwirrtes  Kampfgetümmel ­
  zwischen  einer  großen  Anzahl  von  Klassen,  dessen  Ausgang ­
  infolgedessen  schwer  vorauszusehen  ist.  Die  Vorstellung  von  der
Gesellschaft,  als  ob  sie  nur  aus  zwei  übereinander  liegenden  Schichten
bestände,  ist  eben  all  zu  einfach.  Wir  sehen  im  Gegenteil  eine  immer
wachsende  Differenzierung  gerade  innerhalb  der  Kapitalistenklasse.
Andere  Kämpfe  gehen  vor  sich  hauptsächlich  zwischen  den  Geldsuchenden ­
  und  den  Kentiers,  zwischen  den  Fabrikanten  und  den
Händlern,  zwischen  den  Industriellen  und  den  landwirtschaftlichen
Grundbesitzern;  —  besonders  dieser  letztere  Kampf,  dessen  Bedeutung
G'ide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  35
            
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