Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes,  Buch.  Die  Abtrünnigen.

in  der  politischen  Geschichte  so  allgemein  gewesen  ist,  erscheint  durch
alle  Zeitalter  hindurch  auch  heutigen  Tages  wieder  unter  der  Form
der  großen  parlamentarischen  Kämpfe  zwischen  der  konservativen
und  liberalen  Partei,  zwischen  Tories  und  Whigs  usw.  Und  diese
Nebenkämpfe  komplizieren  oft  in  der  dramatischsten  Weise  und  auf
das  unvorhergesehenste  den  Hauptkampf,  weil  jeder  der  Kämpfenden
sich  auf  das  Proletariat  zu  stützen  sucht.  So  haben  in  England  die
Industriellen  gegen  die  landwirtschaftlichen  Besitzer  die  Aufhebung
der  Kornzölle  durchgesetzt,  aber  diese  wieder  haben  ihrerseits  gegen
die  ersteren  die  Arbeitergesetzgebung  durchgebracht,  und  in  beiden
Fällen  hat  die  Arbeiterklasse  den  Gewinn  davon  getragen,  war  der
Tertius  gaudens!  Dann  wiederum  gehen  innerhalb  der  Arbeiterklassen ­
  Kämpfe  vor  sich.  Schon  gibt  es  solche  (ohne  von  denen  der
roten  und  gelben  Gewerkschaften  zu  sprechen)  zwischen  den  organisierten ­
  und  den  nichtorganisierten,  zwischen  den  qualifizierten  Arbeitern ­
  (skilled  workmen,  wie  die  Engländer  sagen)  und  denen  einer
untergeordneten  Kategorie.  Schon  erscheint,  wie  P.  Leeoy-Beaulietj
sagt,  unterhalb  des  vierten  Standes  ein  fünfter!
Und  was  wird  aus  der  Katastrophentheorie  ?  Was  wird  aus  Jj/!
dem  „großen  Kladderadatsch“?  Die  Neomarxisten  glauben  nicht
mehr  daran.  Die  wirtschaftlichen  Krisen,  die  das  Hauptargument
zugunsten  dieser  These  bilden,  scheinen  heute  nicht  mehr  so  drohend
für  den  Kapitalismus  zu  sein,  wie  Maux  sie  auffaßte.  Sie  treten
nicht  mehr  wie  die  Erschütterungen  eines  Erdbebens  auf,  sondern
wie  der  periodische  Rhythmus  von  Ebbe  und  Flut,  deren  Eintreten
man  innerhalb  gewisser  Grenzen  vorausberechnen  kann.
Und  was  wird  aus  dem  historischen  Materialismus?  —  „Jeder
nicht  Voreingenommene  wird  die  Formel  Beknstein’s  unterschreiben:
„die  Notwendigkeiten  der  technisch-wirtschaftlichen  Entwicklung  bestimmen ­
  immer  weniger  die  Entwicklung  der  anderen  sozialen
Einrichtungen“  J ).  Wieviele  Beweise  sind  nicht  schon  zusammengetragen ­
  worden,  um  diesen  Satz  zu  stützen!  Der  Marxismus  liefert
sie  selbst,  denn  gerade  das  Prinzip  des  Klassenkampfes  und  des
„Klassenbewußtseins“  schöpft  seine  Kraft  aus  dem  Gefühl  einer
Auflehnung  gegen  die  wirtschaftlichen  Fatalitäten,  und  infolgedessen
aus  einem  gewissen  Ideal.  Sicherlich  beeinflussen  alle  Tatsachen  verschiedener ­
  Ordnung,  ökonomische,  politische,  moralische  und  so  weiter,
einander,  aber  ohne  daß  man  sagen  könne,  eine  davon  bestimme  alle
anderen.  Daher  begnügt  man  sich  in  der  Volkswirtschaft  heute
eher  damit,  die  aufeinander  einwirkenden  Beziehungen  zwischen  den

b  G  Sokel,  Des  polemiques  ponr  l’interpretation  du  marxisme  in
der  Revue  internationale  de  Sociologie,  1900.
            
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