Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Der Marxismus. 
547 
Tatsachen zu untersuchen, als sich mit der Frage zu beschäftigen, 
welche Tatsache Ursache und welche Wirkung ist. 
Was bleibt nun zum Schluß vom Marxismus im Neo-Marxismus 
übrig? Es ist nicht so leicht, dies festzustellen! „Enthält er weiter 
nichts als Formeln, die man anführt, und deren Wert mehr und mehr 
diskutierbar erscheint? Ist er nicht vielmehr eine philosophische 
Auffassung, die geeignet ist, die sozialen Kämpfe zu be 
leuchten . . .’)?“ Bernstein sagt, daß der Sozialismus eine Be 
wegung ist, und er fügt hinzu: „Das Ziel ... ist mir gar nichts, 
die Bewegung alles“ -). 
§ 2. Der syndikalistische Neo-Marxismus. 
Während derart der doktrinäre Marxismus im Begriff stand, sich zu 
verflüchtigen, befestigte und bewahrheitete er sich andererseits voll 
ständig — so behauptet wenigstens eine Gruppe seiner Schüler — 
in einer Bewegung, die diesmal aber im praktischen Sinne des 
Wortes wirklich ausschließlich eine Arbeiterbewegung ist, nämlich 
in der syndikalistischen Bewegung. 
Es handelt sich hierbei durchaus nicht um den Reformsyndikalismus 
(Gewerkschaftsbewegung), den man auch trade-unionism nennt 
— ihn überläßt man Bernstein und den Neo-Marxisten seiner 
Schule 3 ), — es handelt sich um den kämpfenden Syndikalismus, der 
zunächst nur in Frankreich und in Italien besteht, und der in Frank 
reich durch die Confederation Generale du Travail vertreten wird. 
Welche Verwandtschaft besteht nun zwischen dem Marxismus 
und diesem Syndikalismus? Ein überlegtes und bewußtes Band gibt 
es nicht; die Arbeiter, die die Confederation Generale du Travail 
') Soebl, Decomposition du marxisme, S. 33. 
2 ) Bernstein, Zusammenbruchstheorie und Kolonialpolitik, 1898, 
erschienen in der Sammlung: Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus 1904, 
Teil II, S. 95. Mau hat uns vor kurzem mitgeteilt, das es sich hier um einen 
Vorabdruck der Philosophie Behgson’s handelt! 
3 J Der Gesichtspunkt wird in einem Aufsatze Bkrth’s (Mouvement Socia- 
liste, Mai 1908, S. 393) sehr klar ausgeführt. „Vom rein kritischen und negativen 
Standpunkt aus waren wir mit Bernstein gegen die Orthodoxie Kaxjtsky’s. Was 
setzt aber Bernstein an die Stelle des übrigens durchaus rhetorischen Eevolutionaris- 
R>us der deutschen Sozialdemokratie ? Eine einfache demokratische und reformistische 
Entwicklung, die die bürgerlichen liberalen Einrichtungen nachahmt, und die sich 
einbildet, die Emanzipation der Arbeiter zu erreichen, indem sie den bürgerlichen 
Eiberalismus unter der doppelten Form einer vollständigen politischen Demokratie 
u Rd einer vollständigen wirtschaftlichen Demokratie auf die Spitze treibt. Hier 
Hennen wir, die revolutionären Syndikalisten, uns entschieden von Bernstein, denn 
■wenn wir auch die Entwicklung wollen, so wollen wir doch eine Entwicklung, die 
nene soziale Formen schafft, eine revolutionäre Entwicklung“. 
35*
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.