Kapitel III. Der Marxismus.
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Tatsachen zu untersuchen, als sich mit der Frage zu beschäftigen,
welche Tatsache Ursache und welche Wirkung ist.
Was bleibt nun zum Schluß vom Marxismus im Neo-Marxismus
übrig? Es ist nicht so leicht, dies festzustellen! „Enthält er weiter
nichts als Formeln, die man anführt, und deren Wert mehr und mehr
diskutierbar erscheint? Ist er nicht vielmehr eine philosophische
Auffassung, die geeignet ist, die sozialen Kämpfe zu be
leuchten . . .’)?“ Bernstein sagt, daß der Sozialismus eine Be
wegung ist, und er fügt hinzu: „Das Ziel ... ist mir gar nichts,
die Bewegung alles“ -).
§ 2. Der syndikalistische Neo-Marxismus.
Während derart der doktrinäre Marxismus im Begriff stand, sich zu
verflüchtigen, befestigte und bewahrheitete er sich andererseits voll
ständig — so behauptet wenigstens eine Gruppe seiner Schüler —
in einer Bewegung, die diesmal aber im praktischen Sinne des
Wortes wirklich ausschließlich eine Arbeiterbewegung ist, nämlich
in der syndikalistischen Bewegung.
Es handelt sich hierbei durchaus nicht um den Reformsyndikalismus
(Gewerkschaftsbewegung), den man auch trade-unionism nennt
— ihn überläßt man Bernstein und den Neo-Marxisten seiner
Schule 3 ), — es handelt sich um den kämpfenden Syndikalismus, der
zunächst nur in Frankreich und in Italien besteht, und der in Frank
reich durch die Confederation Generale du Travail vertreten wird.
Welche Verwandtschaft besteht nun zwischen dem Marxismus
und diesem Syndikalismus? Ein überlegtes und bewußtes Band gibt
es nicht; die Arbeiter, die die Confederation Generale du Travail
') Soebl, Decomposition du marxisme, S. 33.
2 ) Bernstein, Zusammenbruchstheorie und Kolonialpolitik, 1898,
erschienen in der Sammlung: Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus 1904,
Teil II, S. 95. Mau hat uns vor kurzem mitgeteilt, das es sich hier um einen
Vorabdruck der Philosophie Behgson’s handelt!
3 J Der Gesichtspunkt wird in einem Aufsatze Bkrth’s (Mouvement Socia-
liste, Mai 1908, S. 393) sehr klar ausgeführt. „Vom rein kritischen und negativen
Standpunkt aus waren wir mit Bernstein gegen die Orthodoxie Kaxjtsky’s. Was
setzt aber Bernstein an die Stelle des übrigens durchaus rhetorischen Eevolutionaris-
R>us der deutschen Sozialdemokratie ? Eine einfache demokratische und reformistische
Entwicklung, die die bürgerlichen liberalen Einrichtungen nachahmt, und die sich
einbildet, die Emanzipation der Arbeiter zu erreichen, indem sie den bürgerlichen
Eiberalismus unter der doppelten Form einer vollständigen politischen Demokratie
u Rd einer vollständigen wirtschaftlichen Demokratie auf die Spitze treibt. Hier
Hennen wir, die revolutionären Syndikalisten, uns entschieden von Bernstein, denn
■wenn wir auch die Entwicklung wollen, so wollen wir doch eine Entwicklung, die
nene soziale Formen schafft, eine revolutionäre Entwicklung“.
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