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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
leiten, haben sicherlich niemals Marx gelesen und kümmern sich
nicht darum, seine Lehren anzuwenden. Man hat aber letzthin aus
geführt, daß das Programm der „C.G.T.“ bewunderungswürdig mit
der marxistischen Lehre übereinstimme, und daß sie den Marxismus
auf den richtigen Weg zurückgeführt habe, — während der reformerische
Neo-Marxismtis sich auf dem falschen Wege befände, —und zwar be
sonders in folgendem;
a) in der Betonung des ausschließlich proletarischen Charakters
des Sozialismus. Mit den Arbeitgebern und den Kapitalisten gibt
es keine Verständigung. Und ebensowenig von nun an mit den In
tellektuellen und den Politikern; da die berufliche Arbeitergewerk
schaft, auf Grund ihrer Definition, nur Arbeiter umfaßt, hat sie sich
nur mit den Interessen der Arbeiter zu beschäftigen'). Wir haben
schon auf die zur Schau getragene Verachtung h«igewiesen, die der
Marxismus den Intellektuellen gegenüber zeigt (S. 537, Anm.);
— gleichzeitig betont es den Wert und die Schönheit der Arbeit,
nicht jeder Arbeit überhaupt, sondern der Arbeit, die die Materie
verändert und umformt, der Handarbeit.
Kein Milieu ist besser als die Gewerkschaft dazu geeignet, das
„Klassenbewußtsein“ zu entwickeln, nämlich das Gefühl der Inter
essengemeinschaft, das alle Proletarier gegen alle Besitzenden ver
einen soll. Das Bewußtsein tritt erst dort auf, wo eine Organisation
vorhanden ist, und dies gilt im Bereiche des Wirtschaftslebens nicht
weniger als im Bereiche der Biologie: — deshalb ist gerade die
Gewerkschaft das, was notwendig ist, um die alte sozialistische Auf
fassung in wirklichen Sozialismus zu verwandeln. Als Marx schrieb,
konnte er diese Macht noch nicht voraussehen. Wenn er sie ge
kannt hätte, wie sehr würde er sich darin wiedererkannt haben!
Die Vertreter dieses Neo-Marxismus schlagen lyrische Töne an, wenn
sie von der Gewerkschaft sprechen. In dem bürgerlichen Sumpfe
ist sie die einzige Quelle neuer Energie. Die Gewerkschaft trägt
die Keime einer neuen Gesellschaft, einer neuen Philosophie und so
gar einer neuen Moral in sich, die man die Moral des Produzenten
nennen kann: Berufsehre, Solidaritätsgefühl, Stolz auf vollbrachte
Leistungen, Fortschrittsbegeisterung usw. * 2 ).
*) „Eine Organisation der Produzenten, die ihre eigenen Angelegenheiten
besorgen, ohne die Erleuchtung nötig zu haben, die die Vertreter der bürgerlichen
Ideologie besitzen“ (G. Soebl, Decomposition du manisme, S. 60—61).
2 ) „Der revolutionäre Syndikalismus ist die grobe erzieherische Macht, die die
heutige Gesellschaft besitzt, um die Arbeit der Zukunft vorzubereiten“ (Sorel,
Reflexions sur la violence, 1909, S. 244).
„In dem totalen Zusammenbruch der Einrichtungen und der Sitten bleibt
etwas Machtvolles, Neues und Unberührtes bestehen: das, was ganz eigentlich die