Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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von Arbeiterfamilien zurück, die er der von ihm verachteten „Er-
flndungsmethode“ x ) gegenüberstellte.
Die Monographie einer Familie 2 ) nach der Methode Le Play’s
aufstellen, bedeutet nicht nur ihre Geschichte erzählen, ihre Lebens
weise beschreiben und ihre Existenzmittel analysieren, sondern alle
Handlungen ihres Lebens im Rahmen einer „amerikanischen Buch
führung“ — nach Einnahmen und Ausgaben — zusammenfassen, in der
im voraus alle Rubriken numeriert und mit Aufschriften versehen
sind, so daß alle sich stets auf das genaueste vergleichen lassen. Sicher
lich liegt viel Gemachtes und etwas kindisches in dieser anscheinend
so genauen Methode, wo nicht nur die wirtschaftlichen Bedürfnisse,
sondern der Unterricht, die Erholung, die Getränke, die Tugenden
und Laster katalogisiert und in Mark und Pfennigen beziffert sind.
Ihr Vorzug besteht aber darin, auch den unerfahrensten Beobachter
zu leiten, da er gezwungen ist, jede dieser mit Aufschriften versehenen
Schachteln mit etwas zu füllen, so daß er folglich keine Tatsache
übersehen kann 3 ).
Wenn Le Play allerdings erklärt, daß diese Methode ihm die
Wahrheit enthüllt habe, nämlich die Lehre, die wir soeben zusammen
fassend darlegten, so scheint er sich doch recht großen Illusionen
hingegeben zu haben. Von anderen angewandt, kann sie ihnen ebenso
leicht ganz das Gegenteil offenbaren, was auch in Wirklichkeit ein
getreten ist. Le Play sagt, seine Methode habe nachgewiesen, daß
nur die Familien glücklich seien, die sich unter einer väterlichen
Autorität zusammenschließen und sich den Zehn Geboten unterwerfen 4 ).
Zugegeben! Was versteht er aber unter „glücklichen Familien“? Die,
1 ) „Diese Methode stützt sich auf die genau beobachtete Tatsache und ihre
exakte Geschichte ... Sie entlehnt weder der Einbildung, noch der Metaphysik,
noch auch den Parteileidenschaften irgend etwas; sie ist ganz ausschließlich ein
Werk der Wissenschaft und der Wahrheit“ (La Eeforme en Europe).
2 ) Diese Monographien erschienen zuerst in dem großen Werke lb Play’s;
Res Ouvriers Europeens im Jahre 1864. Sie wurden späterhin von seiner Schule
unter dem Namen: Ouvriers des Deux-Mondes fortgesetzt und ihre Zahl über
steigt heute das erste Hundert. Man hat diese Methode erweitert, indem man Mono
graphien von Industrien, Monographien von Gemeinden usw, aufstellte.
Diese Methode erfordert übrigens eine Vervollständigung durch Enqueten, die
sich auf große Zahlen erstrecken, wie Bevölkerung, Höhe der Löhne usw., und daher
uur von den Regierungen ausgeführt werden können.
3 ) Die Gegenüberstellung von Ausgaben und Einnahmen muß notwendigerweise
Ms dahin unbemerkt gebliebene Verluste auf decken, ebenso wie das doppelte Wägen
Mnes Körpers und seiner Rückstände die Verluste der chemischen Analyse anzeigt.“
(Paul Bubeau, L’OEuvre d’Henri de Tourville).
4 ) Mit einer gewissen Naivität erklärt er sogar, oft denen eine Belohnung
versprochen zu haben, die ihm eine einzige Familie nachweisen könnten, die außer
halb dieser Bedingungen glücklich sei. „Aber“, fügt er an, „alle meine Bemühungen
sind erfolglos geblieben“ (Les Ouvriers Europeens, IV, Einleitung).
Gide und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 36