Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

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recht  kleinen  Platz  ein.  Ferner  ist  sein  Eeformprogramm,  wie  wir
es  eben  dargelegt  haben,  von  dem  des  sozialen  Katholizismus,  den  wir
untersuchen  werden,  ganz  verschieden.
1885  trat  in  der  Le  PnAv’schen  Schule  eine  Spaltung  ein.  Die
„Unions  de  la  Paix  sociale“  mit  ihrem  Organ  „La  Eeforme  Sociale“
sind  dem  Programm,  das  wir  eben  gezeichnet  haben,  treu  geblieben.
Der  Teil,  der  sich  von  ihr  trennte,  hat  sich  unter  der  Führung  von
Demolins  und  dem  Abbe  de  Toübville  in  der  Eichtung  eines
Ultra-Individualismus  und  Spencerianismus  entwickelt,  so  daß  er  nur
noch  durch  seine  Ursprünge  mit  den  in  diesem  Kapitel  dargestellten
Lehren  zusammenhängt.
Die  Schule  der  sozialen  Wissenschaft  (Science  sociale)
wie  sie  sich  nennt  —  wenigstens  ist  dies  der  Name,  den  sie  der
Zeitschrift  gegeben  hat,  die  sie  als  ihr  Organ  benutzt,  —  behauptet,
die  Methode  Le  Play’s  wieder  aufzunehmen  und  fortzuführen,
wenigstens  die  durchaus  objektive,  die  er  während  des  ersten  Teiles
seiner  Laufbahn  verfolgte.  Sie  wirft  ihm  nur  vor,  es  nicht  verstanden ­
  zu  haben,  seine  eigene  Methode  nutzbar  zu  machen  und
seiner  Aufgabe  nicht  gerecht  geworden  zu  sein,  die  darin  bestand,  aus
dieser  Methode  eine  positive  Wissenschaft  zu  entwickeln.  Diese  neue
Schule  zieht  der  Methode  der  Monographien  die  Methode  der  Klassifikation ­
  vor,  die,  um  die  Tatsachen  zu  verstehen,  sie  in  ihrem
natürlichen  Zusammenhang  hinstellt  und  zunächst  das  Band  sucht,
das  sie  mit  dem  geographischen  Milieu  verbindet  ’).  Dieses  „Milieu“,
das  schon  bei  Le  Play  eine  so  große  Bedeutung  hatte,  nimmt  in  der  Schule
der  „sozialen  Wissenschaften“  einen  außerordentlich  großen  Kaum  ein.
Man  zeigt  hier,  um  nur  ein  einziges  Beispiel  anzuführen,  wie  die  Gestalt
des  norwegischen  Fjords  durch  die  Spärlichkeit  kultivierbaren  Bodens,
durch  die  Notwendigkeit  des  Fischfanges,  durch  die  begrenzte  Größe
der  Fischerboote,  die  Sonderart  der  Familie,  der  Wirtschaft  und
sogar  der  Politik  der  angelsächsischen  Gesellschaft  geschaffen  habe!
In  gleicher  Weise  habe  die  große  asiatische  Steppe  einen  anderen,
ihr  eigentümlichen  Zivilisationstypus  hervorgerufen,  usw.  Es  ist  dies
der  historische  Materialismus  der  Marxisten,  der  hier  unter  der
pittoreskeren  und  nach  unserer  Ansicht  anregenderen  Form  eines
geographischen  Materialismus  in  Erscheinung  tritt 2 ).
')  „Eine  soziale  Tatsache  ist  vollständig  unerklärlich,  wenn  sie  getrennt  von
ihrem  Milieu  betrachtet  wird.  Die  ganze  soziale  Wissenschaft  beruht  auf  diesem
Gesetz“  (Dbmolxns,  La  Classification  sociale).
2 )  Der  hier  angeführte  Vergleich  hat  verschiedene  heftige  Proteste  von  seiten
einiger  Anhänger  dieser  Schule  hervorgerufen.  Er  hat  aber  nichts  verletzendes,
w enu  man  daran  denken  will,  daß  diese  Bezeichnung  „historischer  Materialismus“
nicht  mit  dem  philosophischen  Materialismus  im  alten  Sinne  des  Wortes  zusammengeworfeu
  werden  darf  und  einen  gewissen  Idealismus  nicht  ausschließt.  Siehe  o.  S.  536.
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