Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 567
des religiösen Geistes zu beugen, um die gleichen Tugenden wieder
zu beleben, die ihn auszeichneten, als Zunft und religiöse Bruderschaft
noch eins waren.
Es handelt sich aber keineswegs darum, wie die Gegner des
sozialen Katholizismus sagen, die mit diesem billigen Argument Miß
brauch treiben, die Zunft- und Brüderschaftsordnuug des Mittelalters
wieder eiuzuführen. Die sozialen Katholiken wollen sich geradezu auf
die moderne Gewerkschaft, auf das Gewerkschaftswesen stützen; und
der Beweis, daß dies keine zu schmale Basis ist, um darauf eine neue
Gesellschaft zu errichten, liegt darin, daß die Neo-Sozialisten, die erst
viel später darauf gekommen sind, ebenfalls keine andere haben
wollen. Sie erwarten von ihr sogar nicht nur eine neue Gesellschaft,
sondern auch eine neue Moral (siehe oben S. 548). Man kann daher
sagen, daß die sozial-katholische Politik, die ihnen auf diesem Boden
vorausgegangen ist, sich wohlunterrichtet gezeigt hat.
Am Anfang der Bewegung suchte man den gemischten Ver
band (syndicat mixte) zu organisieren, in dem Arbeitgeber und Arbeit
nehmer vereinigt sind, und der die besten Garantien für den sozialen
Frieden zu bieten schien. Die Ergebnisse waren aber recht entmutigend x ).
Man hat diesen Gedanken aufgeben und sich mit der korporativen und
getrennten Organisation der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer be
gnügen müssen, die aber zusammen die Regelung der Arbeit und die
Beilegung von Streitigkeiten betreiben. Diese nicht gemischten,
sondern parallelen Berufsverbände sollen nach und nach die Organe
der Arbeitergesetzgebung werden, die der Staat ihnen, die mehr Er
fahrung als er selbst haben, überlassen soll. Anstatt daß starre
Gesetzesvorschriften alles regeln, was mit den Interessen der Berufe
zu tun hat, wie Arbeitsdauer, Sonntagsruhe, Lehrlingswesen, Werk
stättenhygiene, Frauen- und Kinderarbeit und sogar Minimallohn,
Gesetze, die in ihrer brutalen Starrheit fast stets unanwendbar
bleiben, würde alles dies von da an allein den Beschlüssen der
Berufsverbände unterstehen. Diese Vorschriften sollen dann für alle,
') Im Jahre 1894 erklärte der Kongreß der katholischen „Cercles“ in Keims,
daß „ohne nns die Schwierigkeiten zu verhehlen, die sich einer Yerallgemeinung des
gemischten Syndikates entgegen stellen . . . muß doch die Bildung dieser Syndikate
das Ziel unserer Bestrebungen sein.“ Und im Jahr 1904 sagte der Pater Kütten
einer der Führer der katholischen syndikalistischen Bewegung in Belgien, in einem
Bericht über die syndikalistische Bewegung: „Wir verwerfen die Form des gemischten
Syndikates nicht, und wir geben gerne zu, daß sie in der Theorie die vollkommenste
ist. Das ist aber kein Grund, um die Augen dem Lichte zu verschließen und sich
darauf zu versteifen, nicht anerkennen zu wollen, daß das gemischte Syndikat jetzt
in wenigstens 90% der großen industriellen Gemeinden des Landes eine nicht zu
wirklichende Utopie ist“ (Angeführt von Dechesnb, Syndicats ouvriers beiges,
1906, 8. 76).