Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

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ihrer  vollen,  wenn  auch  kurzen  Blüte  gesehen.  Es  schien  ihm,  daß
gerade  Genossenschaften  dieser  Art  das  gesuchte  wirtschaftliche
Werkzeug  seien,  um  die  Lohnarbeiter  in  freie  Produzenten  zu  verwandeln, ­
  und  zu  gleicher  Zeit  eine  sehr  gute  Schule,  um  die  Unterordnung ­
  des  persönlichen  Interesses  unter  das  allgemeine  Interesse
zu  lehren.  Diese  Hoffnungen  wurden  aber  noch  schneller  und  noch
vollständiger  enttäuscht  als  in  Frankreich.  Kaum  daß  man  von  einem
Beginn  der  Verwirklichung  sprechen  kann.
Doch  hatten  die  Leiter  des  Bundes  nicht  ganz  umsonst  gearbeitet.  Als
sie  ihre  Ohnmacht  einsahen,  die  Arbeiter  anzuspornen,  und  die  Hindernisse ­
  kennen  lernten,  die  die  damalige  Gesetzgebung  der  Bildung  von
Arbeitergenossenschaften  in  den  Weg  legte,  wendeten  sie  sich  an  den
Staat  und  eröffheten  einen  Feldzug,  um  eine  liberalere  Gesetzgebung  zu
erhalten.  In  Wirklichkeit  sind  ihnen  auch  fast  allein  die  Gesetze  von
1852  und  von  1862  (IndustrialandProvidentSocietiesActs)
zuzuschreiben,  die  zum  ersten  Male  den  Genossenschaften  den  Charakter
juristischer  Personen  verliehen,  und  von  denen  alle  anderen  Arbeiterverbände ­
  Nutzen  gezogen  haben.
Übrigens  legten  die  christlichen  Sozialisten  nur  geringes  Gewicht
auf  die  äußere  Form,  die  der  Verwirklichung  ihres  Ideals  dienen
sollte.  Sie  wußten  aus  Erfahrung,  daß  die  Arbeitergenossenschaft
und  sogar  die  Gesetzgebung  keine  Früchte  tragen  konnten,  solange
die  geistige  Verfassung  der  Arbeiter  nicht  anders  geworden  wäre 1 ).
Ihre  Reform  war  daher  vor  allem  eine  Reform  der  Moral.  Das  Wort
„Kooperation“  bedeutete  in  ihrem  Munde  weniger  die  Verwirklichung
dieses  oder  jenes  industriellen  Systems,  als  die  Antithesis  der  Herrschaft
der  Konkurrenz,  des  Kampfes  ums  Dasein.  Ihr  eigentlicher  Gedankeninhalt ­
  findet  sich  vielleicht  am  besten  in  einem  von  Ludlow  an
Maueice  gerichteten  Briefe,  der  aus  Paris  (März  1848)  datiert  ist,
und  die  Notwendigkeit  betont,  „den  Sozialismus  zu  christianisieren“.
Der  christliche  Sozialismus  hat  in  England  seine  Gründer  überlebt, ­
  hat  aber  sein  Programm  geändert.  Den  Traum  der  Produktivgenossenschaft ­
  hat  er  fallen  lassen:  er  fördert  jetzt  die  anderen
Formen  der  Kooperation.  Hauptsächlich  beschäftigt  er  sich  aber  mit
einer  Umformung  des  Großgrundbesitzes,  eine  in  England  besonders

')  Kinrslby  schrieb  1856:  „Die  Assoziation  wird  die  nächste  Form  der  industriellen ­
  Entwicklung  sein;  an  ihrem  Erfolg  zweifle  ich  nicht;  vorausgehen  muß
ihr  aber  eine  Lehrzeit  von  zwei  Generationen,  sowohl  für  die  Moral,  wie  für  die
Fähigkeiten,  damit  der  Arbeiter  imstande  sei,  sich  ihrer  zu  bedienen.“
Was  die  Einmischung  des  Staates  betrifft,  so  urteilt  Kingsley  hierüber  wie
folgt:  „Der  Teufel  ist  stets  bereit,  uns  dazu  anzutreihen,  eine  Änderung  der  Gesetze
und  der  Kegierung,  des  Himmels  und  der  Erde  zu  fordern,  ohne  uns  jedoch  jemals
die  vorwitzige  Idee  zuzuüüstern,  daß  wir  vielleicht  uns  selbst  ändern  könnten.“
            
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