Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 581 
Beide verwerfen das hedonistische Prinzip des persönlichen Interesses, 
insoweit es das bestimmende Prinzip der wirtschaftlichen Tätigkeit 
sein soll. Sie verurteilen das Geld, das der Mensch als Mittel ge 
braucht, um seinesgleichen zu erniedrigen und zu versklaven 1 ), und 
sie predigen eine Rückkehr zur Handarbeit als dem mächtigen Hebel 
der Befreiung und Wiedergeburt. Doch unterscheiden sie sich in 
Hinsicht auf ihre Auffassung der zukünftigen Gesellschaft, die nach 
Ruskin aristokratisch, ritterlich, heroisch sein muß, während sie nach 
Tolstoi gleichheitlich, kommunistisch und ländlich sein soll; der eine 
sieht sie mit dem Auge des Ästheten, und der andere mit dem eines 
Muschik; der eine wünscht vor allem Helden, der andere vor allem 
Heilige. 
Hier müssen wir auch Thomas Caklyle erwähnen, den Verfasser, 
außer zahlreichen anderen Werken, einer Geschichte der fran 
zösischen Revolution (1837) und des berühmten Buches: 
Heroen und Heroenverehrung. Chronologisch etwas jünger 
als die beiden Autoren, die wir eben erwähnt haben, hat er in der 
Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen einen noch größeren Ein 
fluß ausgeübt, und wenn man ihn auch nicht unter die christlichen 
Sozialisten rechnen kann, da er eher der Familie der Individualisten 
von der Art eines Nietzsche und Ibsen zugehört, so läuft doch sein 
Einfluß mit dem Ruskin’s parallel. Ihre Anklagen gegen die be 
stehende wirtschaftliche Ordnung antworten sich wie Echos oder viel 
mehr wie die Wechselgesänge der Chöre in den antiken Tragödien 2 ). 
Caeltle hat am heftigsten gegen die liberale klassische Schule 
Sturm gelaufen. Er war es, der die politische Ökonomik, wenigstens 
so wie sie zu seiner Zeit gelehrt wurde, als die dismal Science 
(die unheilbringende Wissenschaft) an den Schandpfahl nagelte. Er 
War es, der ihre Abstraktion des Homo oekonomicus mit Spott über 
schüttete und die folgende Definition der Rolle ihres Staates 
gab: Anarchie plus Polizei (anarchy plus constable). Er war es, der 
das laisser-faire für bankerott erklärte 3 ). 
>) Siehe Fors Clavigera passim. Ebenso Tolstoi: „Das Geld ist nur ein 
konventionelles Zeichen, daß das Hecht oder besser die Möglichkeit gibt, sich der 
Arbeit anderer zu bedienen.“ Wenn übrigens das Geld allmächtig ist, um die Armen 
a uszubeuten, so ist es doch vollständig ohnmächtig, ihnen Gutes zu tun. Siehe die 
merkwürdige Ausführung dieses Gedankens in dem Buche „Was tun?“ 
2 ) „Dreimal verflucht, dreimal ruchlos ist die Lehre der Oekonomisten: — Suche 
zuerst deinen eigenen Vorteil, der zum Schluß der Vorteil aller sein wird! Unser 
Meister hat das nicht gesagt . . .“ (Euskin, Crown of wild olive, II). 
3 ) Besonders in der berühmten Stelle: „Sie (die Oekonomik) wirft ihr philo 
sophisch-politisch-wirtschaftliches Senkblei in das Meer der menschlichen Leiden. 
Wenn sie uns dann mitgeteilt hat, wie tief und unendlich groß der Abgrund ist, 
Metet sie uns als einzigen Trost, daß der Mensch nichts dagegen tun kann, — außer 
dabei zu stehen und neugierig das Wetter zu beobachten und dem Spiel der natürlichen
	        
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