Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Fünftes Buch. 
Die Lehren der neuesten Zeit. 
Am Eingang der vorhergehenden Bücher haben wir ohne zu große 
Mühe die Hauptzüge der volkswirtschaftlichen Gedanken jeder Epoche 
im Umriß zusammenfassen können. Aber die Schwelle dieses letzten 
Buches überschreiten wir nur mit einigem Zögern. Es fehlt uns die 
Perspektive. Um die Tragweite einer Entwicklung, die sich unter 
unseren Augen vollzieht, ohne Voreingenommenheit ins Auge fassen 
und schätzen zu können, braucht man einen größeren Abstand. Hier, 
vielleicht mehr als an anderen Stellen, laufen wir Gefahr, unsere 
Auswahl als willkürlich bezeichnet zu sehen. 
Doch scheint es uns, als ob man in den wirtschaftlichen Ge 
danken am Ausgang des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts 
vier große Hauptströmungen unterscheiden könne: 
1. Zunächst ein unerwartetes Wiederaufleben der theoretischen 
Bemühungen. Die reine volkswirtschaftliche Theorie, die von den 
Historikern, den Staatssozialisten und den Christlich-Sozialen absicht 
lich vernachlässigt worden war, hat gegen 1872 hervorragende Ver 
treter gleichzeitig in Frankreich, in England und in Österreich/ge 
funden. Indem sie Ideen wieder aufnahmen, die seit Condillac fast 
Vergessen waren, indem sie die seit Couenot vernachlässigte mathe 
matische Methode anwandten, haben sie mit wachsendem Erfolg eine 
geistreiche und bestechende Auffassung der Preisbildung an die Stelle 
des verfallenen Gebäudes der klassischen Theorien gesetzt. Ihre 
Anwendung in fast allen Bereichen der Wissenschaft zeigt sich mit 
jedem Tage fruchtbarer. Nach Waleas, Jevons und Mesgee haben 
eine Menge Schriftsteller in Amerika und in Europa (ausgenommen 
jedoch in Frankreich) diesen Weg weiter verfolgt. Diagramme, alge 
braische Formeln und scharfsinnige Beweisführungen füllen von neuem
	        
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