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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Aber diese alte theologische Dreieinigkeit läßt die neue Schule
kalt. Man kann keinen der Produktionsfaktoren für sich allein ins
Auge fassen, da sie notwendigerweise solidarisch oder, wie die hedo
nistische Schule sagt, komplementär bei dem Werke der Produk
tion sind. Auf jeden Fall muß man, um einen jeden zu bestimmen,
zwischen ihnen ebensoviel Beziehungen hersteilen, als es Unbekannte
gibt. Damit gelangen wir dazu, mathematische Gleichungen und
Formeln anzuwenden.
Jedoch ist der Gebrauch der Mathematik nicht bei allen Hedo-
nisten die Regel. Die psychologische Schule, — in ihr besonders die
Richtung, die den Namen österreichische Schule trägt, — hält
es für unnötig, darauf zurückzugreifen. Andererseits erklären viele
mathematische Yolkswirtschaftler, daß sie es keineswegs nötig haben,
die Psychologie zu Hilfe zu rufen, und besonders, daß sie ohne das
berühmte Prinzip des Grenznutzens auskommen können, das, wie wir
sehen werden, den Hauptinhalt der österreichischen Lehre ausmacht 1 ).
Es ist daher für die Klarheit der Darlegung besser, in der
hedonistischen Schule die Gruppe der Psychologen und die der Mathe
matiker getrennt zu studieren.
§ 2. Die psychologische Schule.
Das Hauptmerkmal der psychologischen Schule liegt darin, alles
auf den Grenz nutzen zu beziehen. Was ist hierunter zu ver
stehen * 2 ) ?
x ) „Die Theorien des wirtschaftlichen Gleichgewichts sind unabhängig von den
Theorien der Nützlichkeit (des Grenznutzens). Die allgemeine Auffassung dagegen
verschmilzt, identifiziert diese beiden Arten von Theorien“ (Yilpredo Pareto,
L’Economie pure, Broschüre, 1902).
2 ) Der Name ist je nach den Schriftstellern und den Ländern ein wenig ver
schieden: Jbvons sagt: final degree of utility (letzter Nützlichkeitsgrad), die
Amerikaner sprechen von „marginal utility“ (Randnutzen), und Walras wendet
intensite du dernier besoin satisfait (Stärke des letztbefriedigten Bedürf
nisses) an. Es ist das auch das, was Walras „rarete“ (Seltenheit) nennt, indem er
dieses Wort in dem rein subjektiven Sinne nimmt, als das Ungenügende einer Menge
für den gegenwärtigen Bedarf. Gerade der Überfluß dieser Termini deutet auf eine
gewisse Nebelhaftigkeit der Ideen hin. Wenn wir wählen sollten, würde uns der
Ausdruck „marginal“ (Band —■) klarer als „final“ (Grenz-) erscheinen, doch ist
„final“ — (finale) in Frankreich schon in den Sprachgebrauch übergegangen. Die
erste Idee des Grenznutzen, der die psychologische Schule charakterisiert, scheint
einem französischen Ingenieur, Düpüit, zuzusprechen zu sein. (S. auch weiter unten
Cournot, S. 601 Anm.) Sie wird in zwei Abhandlungen über La mesure de
l’utilite des travaux publics (1844) und über L’utilite des voies de
Communications (1849) ausgesprochen, die beide in den Annales des Fonts
et Chaussees (Jahrbüchern der Wegeverwaltung) veröffentlicht wurden, deren