Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  629

unentbehrliche  Ergänzung  dieser  Lehre;  sie  vollendet  sie  und  gibt
ihr  ihre  endgültige  Gestalt.  Sie  ist  sozusagen  der  Schlußstein  des
Gewölbes.
b)  Die  Eententheorie  hat  aber  noch  eine  weitere  Veränderung
erlitten.
Wie  wdr  gesehen  haben,  ist  die  Rente  für  Eicaedo  im  wesentlichen ­
  ein  Differentialeinkommen  *  *).  Ihren  Ursprung  verdankt
sie  den  Verschiedenheiten  in  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens.
Wenn  alle  Felder  gleichmäßig  fruchtbar  wären,  würde  sie  nicht  bestehen. ­
  Ebenso  haben  alle  anderen  seitdem  entdeckten  Renten  denselben ­
  Charakter:  ob  es  sich  um  ein  Stück  Bauland  oder  einen
kräftigeren  Arbeiter  oder  einen  intelligenteren  Unternehmer  handelt,
stets  ist  es  ein  natürlicher  Unterschied,  der  die  Rente  erklärt. ­
  Alle  diese  Renten  sind  von  gleichem  Typus.  In  gewisser
Weise  kann  man  die  Unternehmer,  die  die  gleiche  Ware  hersteilen,
die  Arbeiter,  die  denselben  Beruf  ausüben,  die  Kapitalien,  die  in  dem
gleichen  Geschäftszweige  angelegt  sind,  in  eine  Skala  sinkender  Produktivität ­
  einstellen,  so  wie  es  Ricaedo  mit  den  verschiedenen
Feldern  getan  hatte.  Der  letzte  Unternehmer,  der  letzte  Arbeiter,
das  letzte  Kapital  der  Skala  bringen  nur  gerade  genügend  hervor,
um  sie  noch  in  Tätigkeit  zu  erhalten.  Alle  anderen  erzeugen  mehr.
Da  sie  trotzdem  ihre  Waren  oder  ihre  Dienste  zu  dem  gleichen
Preise  verkaufen,  gewinnen  sie  aber  eine  Rente,  die  um  so  höher  ist,
je  mehr  ihre  Produktivität  die  des  letzten  der  Skala  übersteigt.
Bei  Einschluß  der  ganzen  wirtschaftlichen  Welt  würde  es  eine  Art
«Gesetz  ungleicher  Fruchtbarkeit -1  geben,  nicht  nur  für  die  Felder,
sondern  auch  für  die  Kapitalien  und  die  individuellen  Fähigkeiten,
—-  ein  Gesetz,  das  genügen  würde,  um  alle  Ungleichheiten  im  Einkommen ­
  der  Produktionsfaktoren  zu  erklären.
Liegt  aber  in  dieser  Auffassung  nicht  etwas  außerordentlich  gekünsteltes? ­
  Lassen  sich  die  Verschiedenheiten  des  Einkommens
nicht  durch  ein  einfacheres,  allgemeineres  Prinzip  erklären?  Wäre
es  nicht  möglich,  sich  unmittelbar  darüber  Rechenschaft  zu  verschaffen? ­
  —  Ist  es  nötig,  in  einem  so  allgemeinen  Phänomen  eine
Ausnahme  und  eine  Art  Anomalie  zu  sehen?  Es  konnte  nicht  auszenten ­

  oder  zugunsten  der  Produktion  ist  unter  gewissen  Umständen  eine  Quelle
T °n  Gewinn,  der,  auch  wenn  er  nicht  den  Namen  Rente  trägt  —  solange  seine  Auszahlung ­
  nicht  periodisch  erfolgt  —,  von  völlig  gleichen  Gesetzen  regiert  wird“
(Stuart  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  VI,  §  4).
*)  „Man  muß  sich  erinnern,  daß  die  Rente  der  Unterschied  zwischen  dem
durch  gleiche  Teile  Arbeit  und  Kapital  erhaltenen  Produkt  auf  Feldern  gleicher
oder  verschiedener  Qualität  ist“  (Ricardo,  Principles,  Kap.  IX,  §  66.  —  Vgl.
oben  SS.  170-171).
            
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