Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

628

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

d.  h.  derjenige,  dessen  Produktionskosten  am  höchsten  sind),  weder
Gewinn  noch  Verlust.  Was  die  anderen  anlangt,  so  können  sie,  auch
in  Abwesenheit  jeder  Gleichgewichtsverschiebung,  noch  eine  Reihe
von  Renten  erhalten,  die  auf  all  den  Umständen,  die  wir  oben  aufgezählt ­
  haben,  beruhen:  Mähe  des  Marktes,  vervollkommneteMaschinen,
Zentralisation  der  Kapitalien  usw.  Für  diese  Volkswirtschaft!er  besteht ­
  der  Profit,  nach  dem  Ausdruck  Maeshall’s,  aus  einer  „zusammengesetzten ­
  —  composite“  —  Rente 1 ).
Die  volkswirtschaftliche  Lehre  hat  also  die  Theorie  Walkek’s
nicht  ohne  Vorbehalte  angenommen.  Um  sich  klar  zu  werden,  wie
einseitig  und  übertrieben  sie  ist,  braucht  man  nur  daran  zu  denken,
daß  die  an  Aktionäre  verteilten  Dividenden  vom  Profit  genommen
werden.  Kann  man  sagen,  daß  diese  Dividenden  auf  den  außergewöhnlichen ­
  Fähigkeiten  der  Aktionäre  beruhen *  2  3 )?
Die  Erklärung  des  Profits  ist  die  interessanteste  Ausweitung
der  Rententheorie.  Aber  sie  ist  durchaus  nicht  die  einzige.  Von  der
Lehre  Ricardo’s  ausgehend,  kommt  man  dazu,  ebenso  viele  verschiedene
Renten  zu  entdecken,  wie  es  verschiedenartige  Lageverhältnisse
in  der  wirtschaftlichen  Welt  gibt.  Die  derartig  verallgemeinerte
Rententheorie  ist  der  Hauptschlüssel,  der  alle  individuellen  Verschiedenheiten ­
  der  Einkommen  zu  erklären  gestattet,  „ln  Wirklichkeit“, ­
  sagt  Mill,  „stellen  alle  Vorteile,  die  ein  Konkurrent  über
einen  anderen  hat,  seien  sie  natürlich  oder  erworben 3 ),  seien  sie  persönlich ­
  oder  beruhen  sie  auf  gesellschaftlichen  Bedingungen  ..  .,  den
Besitzer  dieser  Vorteile  sofort  auf  die  gleiche  Stufe,  wie  einen
Rentenempfänger.“  So  führt  die  klassische  Volkswirtschaft  in  die
Theorie  der  Güterverteilung  wieder  ein  wenig  von  der  Mannigfaltigkeit ­
  des  wirklichen  Lebens  ein,  die  sie  durch  ihre  starre  Lehre  von
der  Gleichheit  des  Zinsfußes  und  der  Gleichförmigkeit  der  Lohnhöhe
zu  sehr  aus  ihr  vertrieben  hatte 4 ).  Die  Theorie  der  Rente  wird  eine
*)  Übrigens  kann  der  Unternehmer  gezwungen  sein,  einen  Teil  dieser  zusammengesetzten ­
  Rente,  sei  es  dem  Grundbesitzer,  sei  es  dem  Kapitalbesitzer,  dem  er  seine
Kapitalien  entliehen  hat,  sei  es  den  besonders  geschickten  Arbeitern,  von  denen  er
profitiert,  abzutreten.  Welchen  Teil  aber  nun?  Das  ist  die  schwierige  Frage,  die
Marshall  in  seinen  Principles,  B.  V,  Kap.  X,  §  4,  und  B,  VI,  Kap.  VIII,  §  9ff.
untersucht.
2 )  Walker  würde  vielleicht  antworten,  dafi  Dividenden  einfache  Kapitalzinsen
sind!  Dieser  Auffassung  können  wir  aber  nicht  beistimmen.
3 )  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  5,  §  4.  Dieses  Wort  „erworben“  (acquis)
steht  nicht  mit  der  reinen  Theorie  über  die  Rente  im  Einklang,  denn  wenn  diese
Vorteile  erworbene  sind,  muß  die  Entlohnung,  die  sie  erhalten,  wie  die  Zinsen  eines
aufgewendeten  Kapitals  betrachtet  werden.
4 )  Mill  sagt:  „Löhne  und  Profite  stellen  die  allgemeinen  Bestandteile  der  Produktion ­
  vor,  während  die  Rente  als  Vertreter  des  differentiellen  oder  besonderen
Bestandteils  betrachtet  werden  kann;  jeder  Unterschied  zugunsten  gewisser  Produ-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.