Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 
643 
weiter zurückgedrängt. In dem Maße wie die Bevölkerung wächst, 
in dem Maße wie ihre Bedürfnisse immer ausgedehnter und mannig 
faltiger werden, in dem Maße wie die technischen Fortschritte in 
ihrer Vervollkommnung dazu gelangen, immer mehr Arme frei zu 
setzen, kommt man dazu, auf mehr Felder und infolgedessen auf weniger 
ergiebige Felder zurückgreifen zu müssen. Daraus ergibt sich für die 
früher bewirtschafteten Felder eine immer höhere Eente. Deshalb 
ergeben die Fortschritte der Zivilisation unter allen ihren Formen 
immer dasselbe Resultat, ziehen stets dieselbe und identische Wir 
kung nach sich: die Steigerung der Bodenrente zum immer größeren 
Gewinn der Grundbesitzer x ). 
„Hier ist ein kleines Dorf,“ sagt Henry George, „in zehn 
Jahren wird es eine große Stadt sein; in zehn Jahren wird die 
Eisenbahn die Postkutsche, das elektrische Licht die Kerze ver 
drängt haben; der Ort wird dann überreich mit all den Erfin 
dungen und Maschinen versehen sein, die die effektive Arbeitskraft 
l ) Diese Theorie der Qüterverteilung, deren fast kindliche Einfachheit genügen 
müßte, um Mißtrauen zu erwecken, wird von Henry George im V. Buch, Kap. II, 
wie folgt zusammengefaßt: „Nach jeder Eichtung hin hat die zunehmende Zivilisation 
die unmittelbare Tendenz, die Kraft der menschlichen Arbeit zur Befriedigung 
menschlicher Bedürfnisse zu erhöhen, die Armut auszurotten und den Mangel samt 
der Furcht davor zu bannen. . . . Aber dennoch kann die Arbeit nicht die Früchte 
der zunehmenden Zivilisation ernten, weil ihr dieselben vorenthalten werden. Da 
die Benutzung des Landes für die Arbeit unumgänglich nötig ist, dasselbe sich aber 
in Privatbesitz befindet: so erhöht jede Vermehrung der produktiven Arbeitskraft 
nur die Bodenrente, — d. h. den Preis, welchen die Arbeit für die Gelegenheit zahlen 
muß, ihre Kraft betätigen zu können; und so kommen alle durch den materiellen 
Fortschritt geschaffenen Vorteile nur den Grundeigentümern zu gute, und der Arbeits 
lohn steigt nicht“ (op. cit. B. V, Kap. II, SS. 248—249). Henry George behauptet 
übrigens nicht, daß der wirkliche Lohn fällt; denn die technischen Fortschritte 
können es ermöglichen, am neuen Kulturrande ebensoviel, wie am alten zu produ 
zieren. Doch wird dieser Erfolg höchstens dem Kapital und der Arbeit gestatten, 
ihre frühere Entlohnung aufrecht zu erhalten; er wird ihnen aber nicht gestatten, 
wirklich am Fortschritt teilzunehmen, so daß man sagen kann, Lohn und Zinsen 
sind, verglichen mit der Bodenrente, gefallen. „Wenn ich sage: der Lohn fällt, 
wie die Eente steigt, so meine ich damit nicht, daß das Quantum von Gütern, das 
die Arbeiter als Lohn erhalten, gerade kleiner werden müsse, sondern daß es einen 
kleineren Teil von dem ganzen Ertrage ausmachen muß. Der Lohn kann ein ge 
ringerer Bruchteil werden, während das Ganze des Ertrages gleich bleibt oder gar 
wächst“ (pp. cit., B. III, Kap. VI S. 191, vgl. auch B. IV, Kap. III). Henry George, 
wie Eioardo und viele Sozialisten (Lassalle, Eodbertus), werfen zwei verschiedene 
Probleme durcheinander; das des Preises der produktiven Dienste und das der pro- 
Portionellen Verteilung der Produkte unter die Produktionsfaktoren (siehe oben, 
8. 489). George fügt jedoch an: daß die Spekulation, indem sie die Grenzen 
ües Anbaus über den Punkt hinaustreibt, an dem die Verminderung der Pro 
duktivität durch technische Fortschritte ausgeglichen wird, manchmal sogar den 
wirklichen Lohn des Arbeiters verringern, und folglich seine Lage nicht nur 
relativ, sondern auch absolut verschlechtern kann (B. IV, Kap. IV).
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.