Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.

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weiter  zurückgedrängt.  In  dem  Maße  wie  die  Bevölkerung  wächst,
in  dem  Maße  wie  ihre  Bedürfnisse  immer  ausgedehnter  und  mannigfaltiger ­
  werden,  in  dem  Maße  wie  die  technischen  Fortschritte  in
ihrer  Vervollkommnung  dazu  gelangen,  immer  mehr  Arme  frei  zu
setzen,  kommt  man  dazu,  auf  mehr  Felder  und  infolgedessen  auf  weniger
ergiebige  Felder  zurückgreifen  zu  müssen.  Daraus  ergibt  sich  für  die
früher  bewirtschafteten  Felder  eine  immer  höhere  Eente.  Deshalb
ergeben  die  Fortschritte  der  Zivilisation  unter  allen  ihren  Formen
immer  dasselbe  Resultat,  ziehen  stets  dieselbe  und  identische  Wirkung ­
  nach  sich:  die  Steigerung  der  Bodenrente  zum  immer  größeren
Gewinn  der  Grundbesitzer x ).
„Hier  ist  ein  kleines  Dorf,“  sagt  Henry  George,  „in  zehn
Jahren  wird  es  eine  große  Stadt  sein;  in  zehn  Jahren  wird  die
Eisenbahn  die  Postkutsche,  das  elektrische  Licht  die  Kerze  verdrängt ­
  haben;  der  Ort  wird  dann  überreich  mit  all  den  Erfindungen ­
  und  Maschinen  versehen  sein,  die  die  effektive  Arbeitskraft
l )  Diese  Theorie  der  Qüterverteilung,  deren  fast  kindliche  Einfachheit  genügen
müßte,  um  Mißtrauen  zu  erwecken,  wird  von  Henry  George  im  V.  Buch,  Kap.  II,
wie  folgt  zusammengefaßt:  „Nach  jeder  Eichtung  hin  hat  die  zunehmende  Zivilisation
die  unmittelbare  Tendenz,  die  Kraft  der  menschlichen  Arbeit  zur  Befriedigung
menschlicher  Bedürfnisse  zu  erhöhen,  die  Armut  auszurotten  und  den  Mangel  samt
der  Furcht  davor  zu  bannen.  .  .  .  Aber  dennoch  kann  die  Arbeit  nicht  die  Früchte
der  zunehmenden  Zivilisation  ernten,  weil  ihr  dieselben  vorenthalten  werden.  Da
die  Benutzung  des  Landes  für  die  Arbeit  unumgänglich  nötig  ist,  dasselbe  sich  aber
in  Privatbesitz  befindet:  so  erhöht  jede  Vermehrung  der  produktiven  Arbeitskraft
nur  die  Bodenrente,  —  d.  h.  den  Preis,  welchen  die  Arbeit  für  die  Gelegenheit  zahlen
muß,  ihre  Kraft  betätigen  zu  können;  und  so  kommen  alle  durch  den  materiellen
Fortschritt  geschaffenen  Vorteile  nur  den  Grundeigentümern  zu  gute,  und  der  Arbeitslohn ­
  steigt  nicht“  (op.  cit.  B.  V,  Kap.  II,  SS.  248—249).  Henry  George  behauptet
übrigens  nicht,  daß  der  wirkliche  Lohn  fällt;  denn  die  technischen  Fortschritte
können  es  ermöglichen,  am  neuen  Kulturrande  ebensoviel,  wie  am  alten  zu  produzieren. ­
  Doch  wird  dieser  Erfolg  höchstens  dem  Kapital  und  der  Arbeit  gestatten,
ihre  frühere  Entlohnung  aufrecht  zu  erhalten;  er  wird  ihnen  aber  nicht  gestatten,
wirklich  am  Fortschritt  teilzunehmen,  so  daß  man  sagen  kann,  Lohn  und  Zinsen
sind,  verglichen  mit  der  Bodenrente,  gefallen.  „Wenn  ich  sage:  der  Lohn  fällt,
wie  die  Eente  steigt,  so  meine  ich  damit  nicht,  daß  das  Quantum  von  Gütern,  das
die  Arbeiter  als  Lohn  erhalten,  gerade  kleiner  werden  müsse,  sondern  daß  es  einen
kleineren  Teil  von  dem  ganzen  Ertrage  ausmachen  muß.  Der  Lohn  kann  ein  geringerer ­
  Bruchteil  werden,  während  das  Ganze  des  Ertrages  gleich  bleibt  oder  gar
wächst“  (pp.  cit.,  B.  III,  Kap.  VI  S.  191,  vgl.  auch  B.  IV,  Kap.  III).  Henry  George,
wie  Eioardo  und  viele  Sozialisten  (Lassalle,  Eodbertus),  werfen  zwei  verschiedene
Probleme  durcheinander;  das  des  Preises  der  produktiven  Dienste  und  das  der  pro-Portionellen
  Verteilung  der  Produkte  unter  die  Produktionsfaktoren  (siehe  oben,
8.  489).  George  fügt  jedoch  an:  daß  die  Spekulation,  indem  sie  die  Grenzen
ües  Anbaus  über  den  Punkt  hinaustreibt,  an  dem  die  Verminderung  der  Produktivität ­
  durch  technische  Fortschritte  ausgeglichen  wird,  manchmal  sogar  den
wirklichen  Lohn  des  Arbeiters  verringern,  und  folglich  seine  Lage  nicht  nur
relativ,  sondern  auch  absolut  verschlechtern  kann  (B.  IV,  Kap.  IV).
            
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