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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Und weiterhin produzieren alle diejenigen, die höhere Fähig
keiten besitzen, als der „Grenzarbeiter“, der nicht nur mit dem
Minimum an Boden und Kapital, sondern auch mit dem Minimum an
Intelligenz und Geschicklichkeit arbeitet, — sie alle produzieren
mehr, und können diesen Überschuß für sich selbst behalten. Auch
hierin liegt ein Differentialeinkommen: die Geschicklichkeitsrente.
Diese Rente ist übrigens im allgemeinen die Wirkung der besseren
Erziehung, die die Kinder der Besitzer und Kapitalisten empfangen,
und ergibt sich infolgedessen mittelbar aus dem Privateigentum 1 ).
So geistreich sie ist, ist doch diese Beweisführung nicht sehr
überzeugend. Denn auch, wenn man zugibt, daß die Zinsen und die
meisten Löhne nichts anderes als Differentialeinkommen sind, so ver
langt ihre Konfiskation doch eine besondere Rechtfertigung. Die
Eigenschaften des Kapitals sind nicht, wie die des Bodens in der
Theorie Ricaedo’s, natürliche Eigenschaften, sondern ihm vom Menschen
verliehene Eigenschaften. Und was die besonderen Fähigkeiten
des Menschen anlangt, so muß noch bewiesen werden, daß es der
Gesellschaft zum Vorteil gereicht, den ganzen darauf beruhenden
Gewinn zu konfiszieren. — Auch als wissenschaftliche Erklärung der
Güterverteilung scheint uns diese Auffassung nicht sehr glücklich.
Die Verteilung der Einkünfte wird im Tauschverkehr bewirkt und
hängt vom Preis der Dienste ab; Webb abstrahiert nun vom Preise
und faßt nur das materielle Produkt ins Auge. Wir leugnen nicht,
daß die fixen Kapitalien ebenso wie der Boden eine Rente abwerfen
können, wenn sie durch einen Vergleich mit dem geltenden Zinsfuß
gemessen werden. Es scheint uns aber nach den Arbeiten Böhm-
Baweek’s und Irving Fischer’s unmöglich zu sein, diesen Zinsfuß
selbst durch die materielle Produktivität der Kapitalien zu erklären.
Und doch liegt hierin der Kernpunkt der Theorie Webb’s.
Der Versuch, den ganzen Kollektivismus auf die Rententheorie
Ricaedo’s zu gründen — dieser letzte Versuch, mit Gewalt aus dem
alten Ökonomisten revolutionäre Schlußfolgerungen zu ziehen — ist
‘) Die gleiche Theorie ist in dem Tract No. 16, EngTish Progress towards
Social-Democracy ausgeführt. „Die Individuen oder die Klassen, die die
soziale Macht besitzen, haben stets, bewußt oder unbewußt, diese Macht dazu benutzt,
der Mehrheit ihrer Genossen faktisch nichts über das örtlich übliche Unterhaltsniveau
hinaus zu lassen. Das Zusatzprodukt, das von den relativen Unterschieden in der
produktiven Wirksamkeit der verschiedenen Landstriche, Felder, Kapitalien und
Geschickliohkeitsquellen innerhalb der Bewirtschaftungsgrenze bestimmt wird, geht in
die Hände derer über, die diese kostbaren und seltenen Produktionfaktoren besitzen.
Diese Schlacht um den Überschuß oder die „ökonomische Eente“ ist der Schlüssel der
verworrenen Geschichte des europäischen Fortschritts und der tiefliegende, wenn auch
unbewußte Grund aller Revolutionen“. Ygl. auch The difficulties of indivi-
dualism in den Problems of modern industry, S. 237—239.