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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
geführt. Sollten die Fabier etwa nichts anderes als Staatssozialisten
sein, die ihren wirklichen Namen nicht eingestehen wollen?
Mithin ist der „Fabische Sozialismus“, genau genommen, über
haupt keine neue wissenschaftliche Doktrin. Er vertritt vielmehr,
gegenüber dem etwas abgenutzten Liberalismus, der noch bei vielen
englischen Schriftstellern in Ehren steht, die Gedanken der wirt
schaftlichen Zentralisation, die überall in Europa sich aus den Be
dingungen des modernen Lebens ergeben haben. Denn aller Wahr
scheinlichkeit nach wird die gesetzgeberische Entwicklung dieser
letzten 30 Jahre in der recht bescheidenen Gestalt einer fort
schreitenden Zentralisation in die Erscheinung treten, wenn auch ihre
Gegner, und sogar viele ihrer Anhänger, sie mit dem tönenden
Namen „Sozialismus“ bezeichnen.
Während die englische praktische Politik seit langem begonnen
hatte, sich vom Individualismus zu befreien, behielt die philosophische
und politische Doktrin der radikalen Utilitarier, wie sie zu Beginn
des 19. Jahrhunderts von Bentham und seinen Freunden formuliert
worden war, ihren ganzen Einfluß, von dem sie auch heute noch
nichts verloren hat. Die Fabier haben sich zu Gegnern dieser Lehre
aufgeworfen. Gern betrachten sie sich als die intellektuellen Nach
folger der radikalen Utilitarier, und behaupten übrigens, einfach den
neuen Bedürfnissen eines großen industriellen und demokratischen
Landes Ausdruck zu geben. Die schon so gehäufte Arbeitergesetz
gebung, der Munizipalsozialismus, der sich selbsttätig in den großen
Städten entwickelt hat, der Glanz der großen Genossenschaftsverbände
in Manchester und Glasgow liefern ihnen beredte Beispiele für den
praktischen Sozialismus, den sie predigen. „Nicht der Sozialismus
der fremden Arbeiter ist es,“ sagt Frau B. Sydney Webb, „die eine
anarchistische, durch eine blutige Revolution zu verwirklichende
Utopie fordern, sondern der spezifisch englische Sozialismus, der
Sozialismus, der sich in Taten und nicht in Worten ausdrückt, der
Sozialismus, der sich lautlos in den Fabrikgesetzen, in den Gesetzen
gegen das Truck-System, der Unfallgesetzgebung, in den Gesetzen
über die öffentliche Gesundheit, die Arbeiterwohnungen, den öffent
lichen Unterricht verkörpert hat — in dieser ganzen Masse von
Wohlfahrtsgesetzen, die das Individuum zwingt, sich in den Dienst
und unter den Schutz des Staates zu stellen“ x ).
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l ) B. Pottbr (Frau Sydney Webb), The Cooperative Movement, 2. Ausg-,
8. 16 (1899).