Kapitel III. Die Solidaristen.
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großen Gesetzes gesucht. Wir haben schon gesehen, daß Pieeee
Leeoox, die Schüler Fouexer’s und sogar Bastiat dem Gedanken
und dem Wort Solidarität einen gewissen Wert zuerkannt hatten.
Es war aber Auguste Comte, der ihm eine unerwartete Ausdehnung
gab. „Die Gesamtheit der neuen Philosophie läßt die Verbindung
eines jeden mit allen unter einer Menge von verschiedenartigen
Zügen so stark hervortreten, daß unwillkürlich das tiefe Gefühl der
sozialen Solidarität zu aller Zeit und an allen Orten zum innerlichen
Erlebnis werden muß 1 ).“
Man mußte aber noch einige Zeit warten, bis dieser neue Ge
danke die Aufmerksamkeit des Publikums und sogar die der Volks
wirtschaftler auf sich zog. Vielleicht würde er niemals fruchtbar
gewirkt haben, ebensowenig wie das Saatkorn im Gleichnis, das auf
den steinigen Weg gefallen ist, wenn nicht eine Menge überall neu
auftauchender Tatsachen in einer Art von Anschauungsunterricht
den Solidarismus verbreitet hätten.
Diejenige dieser Tatsachen, die vielleicht am lebhaftesten die
Gemüter erregte, und von allen solidaristischen Rednern zu einer
wirkungsvollen Illustration benutzt wurde, zu einer Reklame in
feurigen Buchstaben, war die Mikrobiologie. Zu allen Zeiten wußte
man sehr wohl, daß es übertragbare und epidemische Krankheiten
gab, und stets hatten sie die Menschen mit Schrecken erfüllt. Es
wirkte aber wie ein elektrischer Schlag, als man erfuhr, daß die
gefährlichsten, wenn nicht alle Krankheiten, vom Menschen auf den
Menschen durch unsichtbare Bazillen übertragen werden, so daß die
Mehrzahl aller derjenigen, die da glauben, eines natürlichen Todes
zu sterben, in Wirklichkeit von ihresgleichen getötet worden sind.
Man hörte mit Entsetzen, daß der Schwindsüchtige, früher der
sympathische Held vieler sentimentaler Romane, jeden Tag Milliarden
von tödlichen Keimen aushustet, deren Menge genügen würde, eine
Stadt zu entvölkern, oder daß eins der Kinder der königlichen
Familie Englands gestorben sei, weil es einen Anzug getragen habe,
der von einem Schneider, dessen Kind an Scharlachfieber krank lag,
in Hausarbeit angefertigt worden war. Zu erwähnen ist noch, daß
diese pathologische Solidarität jeden Tag durch die Vermehrung und
größere Schnelligkeit des Verkehrs verstärkt wird. Es war viel
mehr Aussicht dafür vorhanden, daß der in Mekka aufgenommene
Pestbazillus während der langen Reise der Karawanen durch die
Wüste zugrunde ging, als dies in Zukunft auf der Eisenbahn der
*) Discours sur l’Esprit positif. Und in seinem Cours de Philo
sophie spricht Comte sich seihst die etwas offenherzige, aber sehr verdiente An
erkennung ans: „Eine wirkliche grundlegende und durchaus moderne Auffassung“.