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Fünftes Buch, Die Lehren der neuesten Zeit.
Fall sein wird, die den Pilger in einigen Stunden durch die Wüste
trägt. Der Reisende zu Fuß oder zu Pferde von gestern war
sicherlich weniger der Gefahr ausgesetzt, Bazillen aufzunehmen, als
der, der auch nur für einige Minuten mit der Stadtbahn fährt.
Auch die Soziologie hat ihren Teil an Tatsachen und Theorien
heigetragen 1 ). Sie hat geglaubt, nachweisen zu können, daß die alte
Erzählung vom Magen und den Gliedern der genaue Ausdruck der
Wirklichkeit sei, daß jede Gesellschaft einen „Organismus“ darstelle,
und zwar genau im Sinne dieses Wortes und infolgedessen auch mit
der gleichen engen Solidarität aller Teile, wie sie zwischen den
Organen desselben Körpers besteht. Und diesen Vergleich führt sie
mit ernsthaftester Genauigkeit oder mit höchst unterhaltsamer Phan
tasie bis auf die geringsten anatomischen Einzelheiten durch. Die
Funktionen sind gleich: -— nicht nur die des Umlaufs, der Zirkula
tion, die nicht einmal den Namen zu wechseln braucht, sondern auch
die Ernährung, die zur Produktion wird, die Reproduktion, die
Kolonisation genannt wird, die Anhäufung von Fettreserven in den
Geweben, die zur Kapitalansammlung wird, — deshalb wurden in
Florenz im Mittelalter die Bürger „die Fetten“, und die Arbeiter
„die Mageren“ genannt! — die Organe sind gleich: das Netz der
Arterien und Venen wird zum Eisenbahnnetz mit seinen doppelten,
nach beiden Richtungen führenden Schienensträngen; aus den Nerven
werden Telegraphendrähte, die die gleiche Bestimmung haben, Emp
findungen und Neuigkeiten schnell zu übermitteln; das Gehirn wird
zum Sitz der Regierung; das Herz zur Börse! — ohne zu vergessen,
daß zwischen diesen beiden Organen eine besonders enge Abhängig
keit besteht. Und sogar die weißen Blutkörperchen haben im sozialen
Organismus ihr Gegenstück gefunden, denn seitdem man ihre wunder
bare Rolle entdeckt hat, die darin besteht, sich in großer Anzahl an
einem bedrohten Punkte des Organismus zu sammeln, um dort die
Krankheitskeime gefangen zu nehmen und zu ersticken, erkennt man
leicht in diesen „Phagozyten“ die Polizeibeamten. —
Wenn auch diese mehr geistreichen, als wissenschaftlichen sozio
logischen Angleichungen nur ein Leben kurzen Ruhmes gehabt haben * 2 3 ),
') Als Ausgangspunkt dieser biologisch-sozialen Lehre kann man das Werk des
Professors Schaeffi.b betrachten; Bau und Leben des sozialen Körpers
(1875—1878), oder sogar die Schriften Eodbbhtus’, der Sohaeffle beschuldigt, ihn
„geplündert- 1 zu haben. Siehe auch die Principles of Sociology von Herbert
Spencer. — Aristoteles hatte schon gesagt: „Man muß zugeben, daß das Tier wie
eine wohlgeordnete Stadt gebaut ist“ (De motu animalium), ein Ausspruch, den
man nur umzukehren braucht.
2 ) Sie haben jedoch noch Anhänger; siehe das Buch von Worms: Organisme
et Soeiete, und das von Lilienfeld: Pathologie Sociale.
Herbert Spencer jedoch, der zuerst zu ihrer Verbreitung beigetragen hatte,