Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

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Der  Verfasser  unterscheidet  zwei  Arten  von  Solidarität:
1.  Eine  untergeordnete,  die  auf  den  Ähnlichkeiten  beruht
und  rein  mechanisch  ist,  wie  die  Kohäsion  der  gleichartigen  Atome
in  dem  gleichen  Körper;
2.  eine  andere,  die  auf  den  Unähnlichkeiten  beruht  und
an  die  Arbeitsteilung  gebunden  ist:  diese  zweite  besteht  in  den
lebenden  Wesen  und  macht  ihre  Einheit  aus.
Düekheim  legt  dieser  zweiten  einen  unvergleichlichen  Wert  bei,
und  zwar  weniger  in  ihren  wirtschaftlichen,  als  in  ihren  moralischen
Folgen;  „sie  wird  zur  Grundlage  der  moralischen  Ordnung“.  Warum?
Weil  der  Kampf  ums  Dasein  um  so  weniger  scharf  ist,  je  verschiedener ­
  die  Endziele  sind,  die  ein  jeder  verfolgt 1 ).  Und  auch
deshalb,  weil  dank  dieser  Verschiedenheit  Jedes  und  Aller  es
dem  individuellen  Bewußtsein  gelingt,  sich  von  dem  Kollektivbewußtsein ­
  frei  zu  machen.  Hierauf  beruht  die  grundlegende  Bolle,  die
Düekheim  der  Gewerkschaft  bei  der  Ausarbeitung  des  neuen  Beeiltes
zuweist.
Ohne  die  Wahrheit  dieser  Unterscheidung  bestreiten  zu  wollen,
glauben  wir,  daß  weder  diese  Verachtung  für  die  Solidarität  auf
Grund  von  Ähnlichkeiten,  noch  dieser  Enthusiasmus  für  die  Solidarität
auf  Grund  von  Verschiedenheiten  gerechtfertigt  ist.  Wir  hoffen  im
Gegenteil,  daß  die  Zukunft  der  ersteren  gehören  wird.  Liegt  das
Endziel  der  Entwicklung  nicht  gerade  darin,  aus  dem  banalen  Wort
„unseresgleichen“  eine  Wirklichkeit  zu  machen?  Strebt  die  Welt,
anstatt  nach  wachsender  Verschiedenheit,  nicht  vielmehr  nach
wachsender  Einheit  hin?  Dies  erscheint  für  die  physische  Welt
klar  nachweisbar:  die  Berge  werden  niedriger,  die  Meere  füllen  sich
aus,  die  Wärme  zerstreut  sich  im  Weltall,  die  Unterschiede  der  Temperatur ­
  verringern  sich  bis  zum  endgültigen  Gleichgewichtspuukte 2 ).
Ebenso  werden  auch  unter  den  Menschen  die  Verschiedenheiten  der
Kasten,  der  ßangabstufungen,  der  Sitten,  der  Kleidung,  der  Sprache,
der  Maße  und  Gewichte  immer  geringer.  Der  Frack  und  der  schreckliche ­
  Zylinderhut  sind  beredte  Symbole  für  dieses  Streben  zur  Einheit. ­
  Wenn  man  auf  Grund  der  Geschichte  urteilen  soll,  so  erscheint
es  als  feststehend,  daß  die  Kämpfe  zwischen  Fremden  —  Fremde  der
Basse,  der  Beligion,  der  Kultur,  der  Erziehung,  d.  h.  also,  zwischen
>)  „Dank  ihrer  sind  die  Eivalen  nicht  verpflichtet,  sich  gegenseitig  zu  vertilgen,
sondern  können  nebeneinander  bestehen.  .  .  .  Wenn  wir  uns  spezialisieren,  so  geschieht ­
  das  nicht,  um  mehr  zu  produzieren  (wie  die  Volkswirtschaftler  lehren,  meint
der  Verfasser),  sondern  um  unter  den  neuen  Daseinsbedingungen  leben  zu  können,
die  sich  eingestellt  haben“  (Dueckhbim,  De  ia  Division  du  Travail  Social).
*)  „Jeder  Kluß,  der  seiner  Mündung  zuströmt,  jede  Lampe,  die  brennt,  jedes
Wort,  das  ausgesprochen  wird,  jede  Bewegung,  die  man  macht,  vermindern  die  Unterschiede ­
  im  Weltall“  (Lalandb,  De  la  Dissolution).
            
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