Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

hin  die  Steuer  abschafft,  so  würde  er  ihm  ein  ganz  ungerechtfertigtes
Geschenk  yon  3000  Fr.  Jahreseinkommen  oder  60000  Fr.  Kapital
machen  1 ).
Wenn  nun  auch  dieser  Gedankengang  (der  übrigens  eine  viel  größere
Tragweite  hat,  als  die  Physiokraten  dachten,  da  er  sich  nicht  nur
auf  die  Steuer  auf  Grundbesitz,  sondern  auf  jede  Vermögens-  und
Kapitalbesteuerung  bezieht)  für  die  Eigentümer,  die  den  Grund  und
Boden  nach  der  Einführung  dieser  Steuer  erwerben,  ausgezeichnet
ist,  so  ist  er  wenig  reizvoll  für  die  Grundbesitzer,  die  die  Ehre  haben
würden,  das  physiokratische  Heidi  einzuweihen,  und  es  ist  klar,  daß
sie  die  ersten  sind,  die  bekehrt  werden  müßten.
Wie  ersichtlich,  beschränkt  sich  der  Anteil  des  Herrschers  auf
ein  wahres  Miteigentum  am  gesamten  Grundbesitz 2  *  *  *  *  * ).  Dies  stimmt
auch  durchaus  mit  der  Vorstellung,  die  sich  die  Physiokraten  vom
Herrscher  machen,  überein.  In  Wirklichkeit  bilden  die  Grundbesitzer
und  der  Herrscher  nur  eine  den  Boden  des  Landes  zusammen  besitzende ­
  Klasse,  mit  gleichen  Hechten,  gleichen  Pflichten  und  gleichem
Einkommen.  Dadurch  wird  erreicht,  daß  der  Vorteil  des  Herrschers
vollständig  mit  dem  des  Landes  verschmilzt 8  *  * ).
Ihrem  fiskalischen  System  maßen  die  Physiokraten  eine  sehr
große  Bedeutung  bei,  in  der  Überzeugung,  daß  die  Verteilung  der
Steuern  die  Grundursache  der  Not  des  Volks  zu  ihrer  Zeit  war,  die
eigentliche  Verkörperung  der  Ungerechtigkeit,  mit  einem  Wort:  die
damalige  „soziale  Frage!“  Wenn  wir  auch  heute  das  Elend  mehr
der  schlechten  Güterverteilung  als  irgendeinem  fiskalischen  System
zur  Last  legen,  und  diese  Anschauung  der  Physiokraten  uns  über-1

 )  Um  den  Grundbesitzern  größtmögliche  Sicherheit  zu  geben,  wollten  die
Physiokraten,  daß  das  Verhältnis,  einmal  festgelegt,  so  unveränderlich  wie  möglich
sei.  Baudbau  jedoch  gibt  die  Möglichkeit  periodischer  Schätzungen  zu,  „damit  die
Krone  am  Gewinn  und  Verlust  der  produktiven  landwirtschaftlichen  Klasse  in  stetiger
und  wirklicher  Weise  beteiligt  sei“.  Und  er  richtet  folgende,  weittragende  Mahnung
an  die  Grundbesitzer:  „Redet  euch  nicht  ein,  daß  ihr  allein  die  Ursache  des  Steigen»
eurer  Einkünfte  seid,  denn  das  würde  eine  höchst  ungerechtfertigte  Undankbarkeit
der  Autorität  gegenüber  sein,  die  in  stetigem  Fortschritt  ihre  Hoheitsfuuktionen
erfüllt“  (S.  708).
2 )  „Ich  bemerke  nebenbei,  daß  ich  nur  mit  Bedauern  dem  öffentlichen  Einkomme 11
den  Namen  Steuern  beilege.  Dieses  Wort  wird  stets  von  der  schlechten  Seite  aufgefaßt-Es
  bedeutet  so  eine  schwere  Last,  von  der  jeder  befreit  sein  möchte.  —  Das  öffent'
liehe  Einkommen  ist  aber  im  Gegenteil  für  den  Herrscher  nur  der  Ertrag  aus  Grund'
besitz,  der  nichts  mit  allem  anderen  Grundeigentum  seiner  Untertanen  zu  tun  bat
(Mercier  de  la  RiviSbe,  S.  451).
s )  „Wenn  der  Herrscher  .  .  .,  der  ständig  als  jährliches  Einkommen  einen  b®'
stimmten  Prozentsatz  des  Reinertrages  bezieht,  der  mit  dem  Reinertrag  steigt  un l
mit  ihm  sinkt,  so  liegt  hierin  eine  augenscheinliche  und  notwendige  Übereinstimmung
der  Ziele  und  Interessen“  (Baudbaü,  S.  769).
            
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